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  • Montag, 14. September 2020,

    Interviewserie zu „Black Lives Matter“-Protesten: Teil 6 – „Wenn du nicht an eine integrierte katholische Kirche glaubst, dann sei nicht mehr katholisch”

    Unsere Redakteure Christian und Thomas Funck sprachen mit US-Priester und Bürgerrechtler Father Raymond East über die „Black Lives Matter“-Proteste in den USA.

    Im sechsten und letzten Teil der Interviewserie sprechen wir mit Father Ray über Rassismus in der Kirche und die Rolle der Kirche in der „Black Lives Matter“-Bewegung. Hier lesen Sie Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.

    wndn.de: Sie sagten in Ihrer Rede bei einer Protestveranstaltung vor dem Weißen Haus, Rassismus sei auch in der Kirche. Meinen sie in der heutigen Kirche oder in der Geschichte der Kirche?

    Father Ray: In der Geschichte der Kirche. Besonders in den Vereinigten Staaten.

    Haben Sie Rassismus auch in der Kirche erlebt?

    Sicher. Weil ich 1950 geboren wurde. Und ich wurde in New Jersey geboren und bin in Kalifornien aufgewachsen. Meine Erfahrung ist anders als in anderen Gebieten, in denen die Diskriminierung höher und ausgeprägter war. Zum Beispiel konnte meine Mutter in New Jersey nicht in die katholische Gemeinde gehen, die sich direkt in ihrer Nachbarschaft befand, weil die Gemeinden selbst im Norden segregiert waren. Die Gemeinden im Süden waren sehr streng segregiert.

    Aber dann kam die Bürgerrechtsbewegung in der Kirche etwas schneller und alles hing von der Führung der Kirche ab. Zum Beispiel kam Kardinal O´Boyle [Erzbischof von Washington von 1948 bis 1973] aus Pennsylvania – einem Staat, der nicht getrennt war – nach Washington, DC, einem segregierten Bezirk. Und das erste, was er tat, war, das Schulsystem zu desegregieren.

    Vor „Brown gegen Board of Education“ im Jahr 1954 [Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, wonach Rassentrennung an öffentlichen Schulen verfassungswidrig ist], hat er die Pfarreien desegregiert. War es leicht? Nein. War es von weißen Gemeinden willkommen? Nein. Aber schlussendlich kam es zu einem Wandel.

    Was bedeutet „segregiert“? Es war nicht erlaubt, in eine andere Gemeinde zu gehen?

    Ich spreche von „De-facto-Segregation“.

    Es war der Rassismus der Gesellschaft, dem die Kirche folgte.

    Sie sprach sich nicht dagegen aus bis sie einen Bischof hatte, der für die Aufhebung der Rassentrennung war, der mit großem Mut eine Diözese desegregierte.

    Zum Beispiel Bischof Hannan aus Washington DC. Er wurde als Erzbischof von New Orleans eingesetzt. Louisiana war ein sehr segregierter Staat. Daher gab es Morddrohung gegen ihn. Und er sagte nur: „Wenn du nicht an Gottes Grundsätze einer integrierten katholischen Kirche glaubst, dann sei nicht mehr katholisch.“ So viele Menschen haben die Kirche einfach verlassen, anstatt einer integrierten Kirche anzugehören.

    “DER ‘BLACK LIVES MATTER’-SLOGAN IST MITTLERWEILE SO POLITISIERT”

    Stand mit “Black Lives Matter”-T-Shirts auf dem “Black Lives Matter-Platz” in Washington, DC (Foto: Funck)

    Sie sagten vor dem Weißen Haus, dass einige Christen nicht „Black Lives Matter“ sagen könnten. Meinen Sie heutige Katholiken?

    Ja, Katholiken. Das heißt: Diese Aussage ist so politisiert, dass sie sagen würden: Das würde ich niemals sagen.

    Warum?

    Weil die „Black Lives Matter“-Bewegung fälschlicherweise als links charakterisiert wurde. Sie versucht, die Würde der Menschen mit afrikanischen Vorfahren positiv zu bekräftigen. Das ist keine parteipolitische Bestätigung. Das ist menschlich.

    Ich ging zu einer Universität in Maryland, wo Studenten zusammenkamen und über die „Black Lives Matter“-Bewegung diskutierten. Es war sehr interessant, weil die jüngere Generation die Dinge mit anderen Augen sieht als wir Babyboomer. Babyboomer sind geteilt. Junge Leute sagen: „Ja, schwarze Leben sind wichtig, ich verstehe.“ Deshalb zog die Bewegung so viele junge Leute an.

    Der konservative politische Kommentator Ben Shapiro sagte: „Der Ausdruck „Black Lives Matter“ sollte relativ unumstritten sein, da es wahr ist, dass schwarze Leben wichtig sind. (…) Es ist die Implikation des Satzes, den die Leute ablehnen. Die Implikation ist, dass es eine Menge Leute gebe, die glaubten, dass schwarzes Leben nicht wichtig sei.“ Er vergleicht den Ausdruck „Black Lives Matter“ mit „der Himmel ist blau“, weil beides unumstritten sei. „Black Lives Matter“ wäre eine offensichtliche Binsenweisheit.

    Können Sie seine Argumentation verstehen?

    Er hat eine sehr durchdachte Argumentation. Ich stimme voll und ganz zu, dass jedes Leben wichtig ist, weil jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Und sie sind vom Schöpfer mit Würde und Rechten sowie Pflichten ausgestattet.

    Trotzdem proklamieren wir die Würde des schwarzen Lebens, weil diese Würde in zu vielen Fällen an zu vielen Orten verweigert wird. Beginnend mit der großen Anzahl schwarzer Babys, die vor der Geburt abgetrieben werden, geht es durch alle Lebensphasen. George Floyd ist nur ein Fall von vielen Fällen.

    “WENN WIR ES NICHT SAGEN, DASS SCHWARZE LEBEN WICHTIG SIND, WER WIRD ES DANN TUN?”

    Deckenmalerei mit Jesus Christus im Chor der Pfarrkirche St. Teresa von Avila in Washington, DC (Foto Funck)

    In Ihrer Rede sagten Sie: „Wenn wir es nicht sagen, dass schwarze Leben wichtig sind, wer wird es dann tun?“

    In der Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren waren die Kirchen sehr wichtig: Der Führer der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King war Baptistenpastor. Der kürzlich verstorbene Kongressabgeordnete John Lewis (1940-2020), eine Ikone der Bürgerrechtsbewegung, war ebenfalls ordinierter Baptistenpriester.

    Was ist Ihrer Meinung nach die Rolle der Kirche in der „Black Lives Matter“-Bewegung? Wie wichtig ist die Kirche für den sozialen Wandel?

    Ich denke, die christliche Stimme ist sehr wichtig. Wenn Christen zu den heiligen Schriften und speziell zu den Lehren Jesu gehen, versuchen sie, seine Lehren auf konsequente Weise auf die Würde allen Lebens anzuwenden. Christen können angesichts der Ungerechtigkeit nicht schweigen. Sie müssen die von Jesus verkündete Wahrheit wiedergeben.

    “NUTZE GOTTES GABEN, UM DIE WELT IN DIE GELIEBTE GEMEINSCHAFT ZU VERWANDELN.”

    Wie wichtig ist es für Ihre Identität, Afroamerikaner zu sein?

    Ich sehe es als Geschenk. Ich habe meine Eltern nicht ausgewählt; ich habe nicht die Zeit gewählt, in der ich geboren wurde. Aber ich bin so froh, dass ich geboren wurde, als ich geboren wurde. Und ich danke Gott für die Eltern, die Gott mir gegeben hat. Ich bin auch froh, dass meine Eltern mir christliche Werte der Inklusion und Versöhnung beigebracht haben. Wir sollten alle Gott dafür danken, dass er uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Wir sollten Gott um die Gnade bitten, zu dem zu werden, was Gott von uns will. Und wir nutzen Gottes Gaben, um die Welt in das Reich Gottes, die geliebte Gemeinschaft, zu verwandeln.

    Ich möchte jedes Geschenk nutzen, das Gott mir gegeben hat, weil mein Leben für Gott wichtig ist und alle Leben für Gott wichtig sind. Ich bete, dass wir alle, wenn wir das Leben respektieren, Gott, unserem Schöpfer, Ehre erweisen.

    Das ist Father Ray:

    Monsignore Father Raymond East (69) ist ein römisch-katholischer Priester und Prälat. Er ist Pfarrer der Pfarrei St. Teresa von Avila im Washingtoner Stadtteil Anacostia. Etwa 90 % der Einwohner von Anacostia sind Afroamerikaner. Father Ray ist ehemaliger Direktor des “Office of Black Catholics” und “Vikar für Evangelisierung” für das Erzbistum Washington, DC.

    Er wurde in Newark (New Jersey) geboren, wuchs mit sechs Geschwistern in San Diego (Kalifornien) auf und machte an der Universität von San Diego einen Abschluss in Business Administration. Er arbeitete bei der National Association of Minority Contractors in Washington, DC. 1981 wurde er zum Priester geweiht.

    Der Kolumnist der New York Times, Bestsellerautor David Brooks, beschrieb ihn als einen unglaublich lebensfrohen (“insanely joyful”) Mann: „Allein in seiner Gegenwart zu sein, beflügelte mich für ein paar Wochen.“

    Katholische Pfarrkirche St. Teresa von Avila in Anacostia, Washington, DC (Foto: Funck)
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