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  • Sonntag, 2. August 2020,

    Interviewserie: Black Lives Matter „Es ist ein langer Bogen hin zur Gerechtigkeit“

    Interview-Serie unsere Redakteure Christian und Thomas Funck mit US-Priester und Bürgerrechtler Father Raymond East über die „Black Lives Matter“-Proteste in den USA.

    Die Tötung des Afroamerikaners George Floyd in Polizeigewahrsam hat weltweit für Entsetzen gesorgt. Und sie löste eine Protestbewegung aus. Seit Wochen demonstrieren vor allem Tausende junge Menschen in den USA gegen Rassismus. Wir haben Father Raymond East in Anacostia, einem Stadtteil von Washington, DC, getroffen, um mit ihm über die Protestbewegung zu sprechen.

    Heute: wie alles begann

    wndn.de: Father Ray, der Auslöser für die Proteste ist die Tötung von George Floyd. Er wurde am 25. Mai 2020 in Minnesota durch Polizeigewalt getötet. Einer der vier Polizisten hatte sein Knie auf dem Hals des am Boden liegenden George Floyd. Floyd war unbewaffnet und hatte Handschellen an. Obwohl er mehrfach äußerte, dass er nicht atmen könne, kniete einer der Polizisten acht Minuten und 46 Sekunden auf dem Hals von George Floyd.

    Was haben Sie gedacht, als Sie das Video das erste Mal gesehen haben?

    Father Ray: Ich war entsetzt. Drei Polizisten knieten auf ihm. Einer auf seinem Rücken, einer auf seinem Hals und einer auf seinen Beinen. Er war buchstäblich gelähmt von drei schweren Männern, die auf ihm knieten. Und warum das Ganze? Wegen eines vielleicht gefälschten Scheins.

    In Höhe von 20 Dollar.

    Ja, 20 Dollar – das ist nichts.

    Und man weiß nicht, ob George Floyd Fälschungs- oder Betrugsabsicht hatte.

    Genau. Und man weiß nicht, woher er den Schein hatte.

    „ES GIBT EINE LANGE GESCHICHTE, DIE ZU EINEM NARRATIV WIRD: WO FINDEST DU EINE JURY, DIE WEIßE POLIZISTEN VERURTEILT?“

    „EQUAL JUSTICE UNDER LAW“: Sind vor dem Gesetz alle gleich? (Foto: Funck)

    Glauben Sie, dass diese Polizisten ins Gefängnis gehen werden?

    Sie werden eine kurze Haftstrafe bekommen. Insbesondere die anderen drei. Das Problem ist: Wenn drei schwarze Männer es tun würden, würden sie als Komplizen angesehen und hätten lange Haftstrafen zu verbüßen. Es ist eine traurige Realität. Und es passt in eine laaange Geschichte von Hunderten von Jahren.

    Was wäre passiert, wenn George Floyd weiß und die Polizisten schwarz gewesen wären?

    Es wäre völlig anders. Schon emotional. Das Problem ist die Jury. Wo findest du eine Jury, die weiße Polizisten verurteilt?

    Dann denken Sie, das Problem ist das Jury-System?

    Normalerweise passierten solche Dinge in den Südstaaten. Und der Süden hat eine so schreckliche Bilanz, einerseits Schuldige zu entlasten und andererseits für farbige Menschen die Höchststrafe zu verhängen, insbesondere die Todesstrafe. Das ist eine laaange Geschichte, die zu einem Narrativ wird. Es ist einfach sehr schwierig, eine Verurteilung gegen einen Polizisten zu erreichen. Das ist der höchste Beweisgrad. Das ist es, was die Leute so entmutigt.

    “ES WAR TÖDLICHE GEWALT. UND SIE WUSSTEN DAS.”

    Protestschilder in Washington, DC (Foto: Funck)

    Denken Sie, der Polizist wollte George Floyd töten?

    Alles sieht so aus, als ob die Absicht bestand, Gewalt anzuwenden und jemanden zu töten.

    Sie denken, die Polizisten wussten, dass George Floyd sterben wird?

    Oh ja. Es waren wahrscheinlich 150 oder 200 Pfund, die auf seinen Hals drückten. Und dann lasteten noch 150 oder 200 Pfund auf seinem Rücken und auf seinen Beinen. Es war ein schreckliches Verbrechen. Es waren 600 Pfund Kraft. Das ist tödliche Kraft. Und sie wussten es. Es war schrecklich.

    “WIR GEHEN NICHT INS GEFÄNGNIS, WIR SIND DIE POLIZEI”

    Father Ray mit einem “Black Lives Matter”-Schild vor seinem Haus in Anacostia (Foto: Funck)

    Viele Politiker sagen: “Der Gerechtigkeit wird Genüge getan werden”. Gegen alle vier Polizisten laufen Strafverfahren. Denken Sie, dass nur dann für Gerechtigkeit gesorgt wird, wenn sie wegen Mordes verurteilt werden?

    In der Vergangenheit wurden Polizisten selten für schuldig befunden und wenn, waren die Haftstrafen sehr kurz. Die Polizei wird fast immer freigesprochen. Viele von ihnen arbeiten weiterhin für die Polizei, ohne einen Gehaltsscheck verpasst zu haben. Die Leute geben auf und haben keine Hoffnung mehr. Aber ich habe die Hoffnung, dass es diesmal anders ist.

    Glauben Sie, dass alle vier Polizisten verurteilt werden?

    Es sieht so aus, als würde es eine Strafe geben. Aber Zweifel bestehen insbesondere bei den anderen drei Polizisten. Das ist es, was die Leute so entmutigt. Weil die Polizei das machen und sagen kann: „Wir gehen nicht ins Gefängnis, wir sind die Polizei.“

    “DIE POLIZEIGEWERKSCHAFTEN SIND SO STARK”

    Das ist Father Ray:

    Monsignore Father Raymond East (69) ist ein römisch-katholischer Priester und Prälat. Er ist Pfarrer der Pfarrei St. Teresa von Avila im Washingtoner Stadtteil Anacostia. Etwa 90 % der Einwohner von Anacostia sind Afroamerikaner. Father Ray ist ehemaliger Direktor des “Office of Black Catholics” und “Vikar für Evangelisierung” für das Erzbistum Washington, DC.

    Katholische Pfarrkirche St. Teresa von Avila in Anacostia, Washington, DC (Foto: Funck)

    Er wurde in Newark (New Jersey) geboren, wuchs mit sechs Geschwistern in San Diego (Kalifornien) auf und machte an der Universität von San Diego einen Abschluss in Business Administration. Er arbeitete bei der National Association of Minority Contractors in Washington, DC. 1981 wurde er zum Priester geweiht.Der Kolumnist der New York Times, Bestsellerautor David Brooks, beschrieb ihn als einen unglaublich lebensfrohen (“insanely joyful”) Mann: „Allein in seiner Gegenwart zu sein, beflügelte mich für ein paar Wochen.“

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