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  • Mittwoch, 19. August 2020,

    Interviewserie zu „Black Lives Matter“-Protesten: Teil 3 – „Wir brauchen Polizei”

    Unsere Redakteure Christian und Thomas Funck sprachen mit US-Priester und Bürgerrechtler Father Raymond East über die „Black Lives Matter“-Proteste in den USA.

    In Teil 3 der Interviewserie sprechen wir mit Father Ray über mögliche Reformen bei der Polizei, Kriminalität, Waffengewalt und Gewaltexzesse im Zuge der „Black Lives Matter“-Proteste. Hier lesen Sie Teil 1 und Teil 2.

    Protestschilder in Washington, DC. Eine Forderung vieler Demonstranten: “Entzieht der Polizei die Finanzierung” („Defund Police“) (Foto: Funck)

    wndn.de: Eine Forderung der Demonstranten ist „Defund the police“ (“Entzieht der Polizei die Finanzierung”) oder “abolish the police” „Schafft die Polizei ab“. Glauben Sie, ohne die Polizei wird es besser?

    Father Ray: Wir brauchen Polizei, wir brauchen gute Gesetze und wir brauchen Rechtsdurchsetzung und Polizei. Und wir brauchen ein gutes Justizsystem.

    Die Ausbildung von Polizisten ist hier relativ kurz und Polizisten werden hauptsächlich im Schießen ausgebildet sind und lernen nicht, wie man deeskaliert. Ist das auch ein Problem?

    Wenn Sie fünf Aktionsschritte auswählten, wäre dies wahrscheinlich der zweite Aktionsschritt. Das ist ein obligatorisches Ausbildungsprogramm.

    Was ist die Nummer eins?

    Auf die Statistiken zu schauen und Akten zu öffnen, um zu sehen, welche Beamte viele gewalttätige Interaktionen hatten oder zuvor tödliche Gewalt angewendet haben. Das zweite wäre, das Mandat für nationale Standards zu erteilen.

    Sie sprechen über ein obligatorisches Ausbildungsprogramm. In den USA gibt es tausende verschiedene Polizeieinheiten. Denken Sie, Sie können nationale Standards erreichen?

    Der demokratische Kongress unter Nancy Pelosi hat es versucht. Sie werden den Chokehold [bestimmte Würgegrifftechnik] nicht benutzen. Das sollte ein nationales Gesetz sein. Die Verwendung von Teasern war schon immer problematisch. Es sollte deeskalieren, aber es wird jetzt verwendet, um die Letalität von Waffen zu erhöhen. Wenn Kugeln sie nicht aufhalten können, verwenden sie die Teaser. Durch Teaser wurden Menschen getötet.

    Polizeigewalt ist in den Vereinigten Staaten kein neues Problem. Warum denken viele Menschen, dass sich nichts ändert?

    Das Problem ist, dass sie nicht einmal das Problem sehen.

    In einem County in Arizona wurde ein Sheriff namens Joe Arpaio Jahr für Jahr wiedergewählt, weil die Leute diese Art von aggressivem Verhalten mögen.

    Er würde niemals das Ausbildungsprogramm machen. Er würde seine Beamten niemals bitten, sich mit der Frage des Rassismus auseinanderzusetzen, weil er entschieden gegen Einwanderung und „tough-on-crime” ist.

    Und wann immer die Menschen in den Vereinigten Staaten eine Wahl gewinnen wollen – vor allem, wenn wir weiterhin nach rechts driften – ist es positiv, entschieden gegen Einwanderung und „tough-on-crime” zu sein. Und jetzt gehen leider auch Katholiken in diese Richtung. Wir sind also nicht auf dem richtigen Weg. Es bedarf also einer solchen Bewegung, um die Frage auf den Tisch zu bringen.

    Der erste Punkt war also auf die Statistiken zu schauen, der zweite Punkt das verpflichtende Ausbildungsprogramm. Was ist der dritte Punkt?

    Und der dritte Punkt ist, auf die Frage des Rassismus einzugehen. Wir müssen Rassismus definieren und darüber sprechen, antirassistisch zu werden.

    Wie würden Sie Rassismus definieren?

    Rassismus ist, eine Gruppe von Menschen kategorisch als überlegen und eine andere Gruppe als minderwertig anzusehen aufgrund von Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit oder nationaler Herkunft.

    Was ist der vierte Punkt?

    Und der vierte Punkt ist die zivile Aufsicht mit zivilen Gremien. In vielen Fällen gibt es keine unabhängige Aufsicht.

    Und die fünfte Sache ist Rekrutierung. Sie brauchen eine diverse Polizei. Wenn du mehr Frauen hast …

    … dann gibt es eine andere Kultur?

    Genau. Die Kultur ändert sich. Es gibt eine „Blaue Linie“, das heißt, dass Polizisten schlechte Polizisten verteidigen. Das ist ein Teil der Kultur, die sich ändern muss.

    “BLACK-ON-BLACK-CRIME IST EINE EPIDEMIE. COMMUNITY UND POLIZEI MÜSSEN ZUSAMMENARBEITEN”

    Katholische “Black Lives Matter”-Demonstration: Father Ray (mit gelber Kappe) bei seiner Rede vor dem Weißen Haus (Foto: Funck)

    Ich habe im Wall Street Journal einen Artikel von Heather McDonald gelesen. Sie schrieb, systematischer Polizeirassismus sei ein Mythos.

    Das ist sehr traurig, aber ich höre es.

    Sie schrieb: „2019 haben Polizisten 1.004 Menschen erschossen“ – was sehr viel ist, weil es in Deutschland nur 16 pro Jahr gibt – „die meisten von ihnen waren bewaffnet oder auf andere Weise gefährlich. Afroamerikaner waren ungefähr ein Viertel der im vergangenen Jahr von Polizisten getöteten Personen (235), ein Verhältnis, das seit 2015 stabil geblieben ist. Dieser Anteil schwarzer Opfer ist geringer als was man annehmen müsste, wenn man auf die schwarze Kriminalitätsrate blickt, da Polizeischießereien davon abhängen, wie oft Polizisten bewaffneten und gewalttätigen Verdächtigen begegnen. Im Jahr 2018 (…) machten Afroamerikaner 53 % der bekannten Täter von Tötungsdelikten in den USA aus und verübten etwa 60 % der Raubüberfälle, obwohl sie 13 % der Bevölkerung ausmachen.“ Und „ein Polizist wird 18 ½ Mal häufiger von einem schwarzen Mann getötet als ein unbewaffneter schwarzer Mann von einem Polizisten.“ Hat sie Recht?

    „Black-on-black crime“ ist eine Epidemie. Und dagegen muss etwas getan werden. Dies ist jedoch schwer zu erreichen, ohne dass die Bürger und die Polizei zusammenarbeiten. Sie müssen also zusammenarbeiten, sich treffen und Probleme gemeinsam lösen. In Washington gibt es bspw. eine beratende Nachbarschaftskommission. Ich denke, es ist wirklich wichtig, eine gute Community-Polizei-Beziehung zu haben.

    “DAS LETZTE, WAS SIE WOLLEN, IST, DASS SCHWARZE WAFFEN HABEN”

    Ein weiterer Punkt ist, dass es in den USA nicht so einfach ist, Polizist zu sein, weil es viele Waffen gibt und jede Begegnung sehr gefährlich werden kann. Muss man etwas tun gegen Waffen und Waffengewalt?

    Ja, das ist eine große Sache. Das Recht Waffen zu tragen ist ein sehr wichtiger Teil amerikanischer Kultur.

    Der Zweite Verfassungszusatz schützt das Recht, Waffen zu tragen: „Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.

    Es ist jedoch sehr schwierig, die Verfassung zu ändern, da man im Senat und im Repräsentantenhaus 2/3-Mehrheiten und eine ¾-Mehrheit der Staaten benötigt. Ist die Verfassung zu schwer zu ändern?

    Es ist sehr schwierig und in diesem Fall nahezu unmöglich.

    Wenn man sich die Geschichte anschaut, steckt immer das Thema „Rasse“ dahinter und hier ist der Grund: Die Milizen wurden gebildet, um Sklaven zu fangen und Eigentum zu schützen und aus den Milizen entwickelten sich Police Departments. Und daher kauften die Leute Waffen, um Milizen zu bilden. In diesen Jahren ist eine sehr starke Waffenkultur gewachsen, die wahrscheinlich immer da sein wird.

    Aber im Fall Philando Castile , der genau dort in Minnesota stattfand, ist deutlich zu sehen, dass der Zweite Verfassungszusatz nicht für Schwarze gilt, denn selbst wenn wir legale Waffen haben, werden wir getötet.

    Weil die Polizisten denken, dass sie schießen werden?

    Genau. Wissen Sie, warum Kalifornien sehr „anti-gun“ wurde?

    Nein.

    Die Black Panthers bildeten sich 1968. Sie glaubten an Bewaffnung. Sie sagten: „Wenn wir die Rechte aus dem Zweiten Verfassungszusatz nutzen würden und bewaffnet wären, könnten wir unsere eigene Gemeinschaft vor „Black-on-black crime“ schützen. Wir könnten Verbrechen stoppen und wir könnten wir uns vor Milizen und vor der Polizei schützen.“

    Also bewaffneten sie sich. Eine Gruppe der Black Panthers ging mit ihren legalen Waffen von Oakland nach Sacramento (Hauptstadt von Kalifornien). Und sie forderten Veränderungen: bessere Bildung, faire Polizeiarbeit und wirtschaftliche Gerechtigkeit.

    Über Nacht wurde Kalifornien von einem „Pro-Gun-Staat“ zu einem „Anti-Gun-Staat“. Ich denke, es hat zwei Tage gedauert, um die Gesetze zu verabschieden. Weil sie sagten: „Das Letzte, was wir wollen, sind schwarze Menschen, die Waffen tragen.“ Besonders in den sechziger Jahren. Es war so ironisch.

    “DIE BÜRGERRECHTSBEWEGUNG IST DAS BESTE BEISPIEL, DASS FRIEDLICHER PROTEST VERÄNDERUNG BRINGEN KANN

    Geschäfte in Washington, DC mussten mit Brettern gegen Plünderungen geschützt werden (Foto: Funck)

    In den Tagen nach der Ermordung von George Floyd kam es in vielen Städten der Vereinigten Staaten – auch hier in Washington, DC – zu Unruhen und Plünderungen und brennenden Autos. Der Keller des Pfarrgebäudes der St. John’s Church in der Nähe des Weißen Hauses wurde in Brand gesteckt. Was denken Sie über diese Gewalt?

    Ich denke, die gesamte Bürgerrechtsbewegung in den USA sollte auf friedlichem Protest und kreativer Gewaltlosigkeit beruhen. Und wir nehmen dieses biblische Prinzip aus den Lehren von Rev. Dr. Martin Luther King Jr. und Ghandi.

    Manche Leute sagen: „Man kann friedlich demonstrieren, aber dann wird man nichts ändern.“ Sehen Sie das auch so?

    Nein. Ich denke, dass eine friedliche Bewegung Veränderung bewirken kann. Die Bürgerrechtsbewegung ist das beste Beispiel dafür, dass friedlicher Protest Veränderungen bringen kann. Und auch die Tatsache, dass Südafrika die Apartheid ohne Blutvergießen überwinden konnte. Sie dachten, dass Südafrika die Apartheid ohne dieses Blutbad nicht überwinden könnte.

    Aber es geschah nicht – wegen der gewaltfreien Philosophie hinter der Bewegung. Und Nelson Mandela sagte zusammen mit Bischof Tutu [Desmond Tutu, geb. 1931, Anti-Apartheid- und Menschenrechtsaktivist, anglikanischer Erzbischof von Kapstadt von 1986 bis 1996]: „Wir werden uns nicht rächen.“

    Es gibt einen christlichen Ansatz für gewaltfreie Proteste, dieser basiert auf dem Evangelium, auf Vergebung, bedingungsloser Liebe, Versöhnung und der Fähigkeit der Kirchen, die Klage des Volkes zu führen.

    Hier geht es weiter zu Teil 4

    Das ist Father Ray:

    Monsignore Father Raymond East (69) ist ein römisch-katholischer Priester und Prälat. Er ist Pfarrer der Pfarrei St. Teresa von Avila im Washingtoner Stadtteil Anacostia. Etwa 90 % der Einwohner von Anacostia sind Afroamerikaner. Father Ray ist ehemaliger Direktor des “Office of Black Catholics” und “Vikar für Evangelisierung” für das Erzbistum Washington, DC.

    Er wurde in Newark (New Jersey) geboren, wuchs mit sechs Geschwistern in San Diego (Kalifornien) auf und machte an der Universität von San Diego einen Abschluss in Business Administration. Er arbeitete bei der National Association of Minority Contractors in Washington, DC. 1981 wurde er zum Priester geweiht.

    Der Kolumnist der New York Times, Bestsellerautor David Brooks, beschrieb ihn als einen unglaublich lebensfrohen (“insanely joyful”) Mann: „Allein in seiner Gegenwart zu sein, beflügelte mich für ein paar Wochen.“

    Katholische Pfarrkirche St. Teresa von Avila in Anacostia, Washington, DC (Foto: Funck)
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