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  • Sonntag, 16. Dezember 2018,

    Wenn aus einer Krise eine Chance wird- Ein Interview mit Simone A. über die Folgen ihres Verkehrsunfalls

    Emotionaler Missbrauch, Verlust nahestehender Bezugspersonen, Gewalterfahrungen, eine schwere körperliche Erkrankung oder ein schwerer Verkehrsunfall, dies sind traumatische Geschehnisse, die einigen von uns passieren, aber wie gelingt es uns solche Geschehnisse zu bewältigen?

    Die 58- jährige Krankenschwester Simone A. aus dem Landkreis St. Wendel hatte einen schweren Verkehrsunfall und litt danach unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Heute ist sie glücklich, dass sie dieser Krise viel Positives abgewinnen konnte. „ Mein Verkehrsunfall war ein schlimmes, einschneidendes Ereignis, das in meiner Seele bleibende Schäden verursachte, mit denen ich Stück für Stück fertig werden musste. Jeder Mensch reagiert anders, aber richtige Traumata kann wohl niemand so einfach verkraften und wegstecken. Ich bin sehr froh, dass sich trotz all der Strapazen alles zum Guten gewendet hat.“

    Ein Trauma ist ein stark belastendes Ereignis, das Betroffene nur schwer verarbeiten können, dieses kann zu tiefen seelischen Blessuren führen, die das Leben erheblich einschränken. Die Auswirkungen reichen von psychischen Belastungen bis hin zu psychosomatischen Beschwerden. Genau, wie bei einer körperlichen Verletzung, braucht eine Wunde Zeit bis sie verheilt. Wieviel Zeit ein Betroffener benötigt, ist abhängig von Faktoren wie situativen Begebenheiten, dem sozialen Umfeld, der Arbeit, der Therapie und der individuellen Persönlichkeit.

    Simone, was kannst du uns über deinen Verkehrsunfall berichten?
    Ende September 2016 war ich mit meinem Mann im Urlaub in Südtirol. Nach einer Woche haben wir in der Nähe von Meran eine Fahrradtour gemacht. Es war ein schöner, gemütlicher Herbsttag. Die meiste Zeit fuhren wir auf gekennzeichneten Radwegen, vorbei an Apfelplantagen und den herrlichen Landschaften Südtirols. Nach einer Weile haben wir eine Hauptstraße überquert und fuhren in eine wenig befahrene Seitenstraße. Ich war an erster Stelle und mein Mann hinter mir. Nach kurzer Zeit kam uns auf der Gegenfahrbahn ein Traktor mit Anhänger entgegen. Für mich persönlich herrschten geklärte Verhältnisse. Der Traktorfahrer hatte den Linksblinker gesetzt und für mich war klar, dass dieser nach mir abbiegen wollte. Mit normalem Tempo von ungefähr 15 km/h fuhr ich ganz gemütlich und näherte mich allmählich dem Traktor. Urplötzlich beschleunigte der Traktorfahrer und dann ging alles ganz schnell. Offensichtlich dachte der Fahrer, er könne noch vor mir abbiegen, ich hatte keine Chance mehr um reagieren zu können. Ich war hilflos ausgeliefert, es war ein totaler Schock. Ich dachte nur: „Jetzt ist alles zu spät. Jetzt passiert es.“ Ich flog direkt über den Lenker aber Gott sei Dank hatte ich einen Helm an und konnte mich wenigstens noch mit den Armen abfangen. Mein Rad wurde noch einige Meter mitgeschleift, und ich konnte mich nicht bewegen und musste zusehen, wie die Räder des Anhängers immer näher kamen. Ich hatte richtig Panik, dass diese jeden Moment über meine Beine rollen würden, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte. Es ging alles wahnsinnig schnell.“

    Wie ging das Ganze nach dem Unfall weiter?
    „ Ich hatte einige Schürfwunden, wahnsinnige Kreuzschmerzen und stand gänzlich neben mir. Der Anhänger des Traktors rollte und rollte, kam aber in letzter Sekunde noch rechtzeitig zum Stehen. Durch die starken Schmerzen, die ich hatte, konnte ich mich nicht bewegen. Auch der Fahrer des Traktors war im totalen Schockzustand. Meinem Mann war zunächst die Sicht versperrt, er dachte im ersten Moment ich sei tot. Sehr zügig kam ein Anwohner und kümmerte sich um uns. Wir waren erstarrt und fassungslos, und dann kam auch schon der Krankenwagen, der uns direkt ins nächst gelegene Krankenhaus brachte. Nach den ärztlichen Untersuchungen  teilte man mir mit, dass ich nur Prellungen und keine Frakturen hätte. Zurück in unserem Hotel saß ich nun da, mitten im Urlaub, am 1.Tag der zweiten Urlaubswoche mit massiven Schmerzen und im Ausnahmezustand. Auch mein Mann hatte unklare Schmerzen im Rumpf, die nicht eindeutig diagnostiziert werden konnten. Da wir körperlich gar nicht in der Lage waren die Heimfahrt anzutreten, entschieden wir uns dafür, den Urlaub fortzusetzen und das Beste daraus zu machen. Außenstehende hätten vermutlich gesagt „Die zwei haben sie nicht mehr alle!“, aber wir wollten einfach wieder Normalität in das Ganze bringen und haben deshalb versucht uns, so gut es ging, abzulenken. Rückblickend betrachtet haben wir uns zu sehr überanstrengt. Beispielsweise waren die waghalsigen Spaziergänge im Nachhinein wenig ratsam. Als ich wieder zu Hause war, bin ich aufgrund dieser enormen anhaltenden Schmerzen zu meinem Hausarzt und schließlich auch zum Orthopäden. Unglücklicherweise hatte ich das Röntgenbild aus dem Meraner Krankenhaus nicht ausgehändigt bekommen, denn letztlich stellte sich nach 3 Monaten und einer Kernspintomographie heraus, dass ich tatsächlich komplizierte Frakturen am letzten Lendenwirbelkörper, also mehrere Bandscheibenvorfälle, hatte. Es war nicht zu fassen.“

    Wie sehr hat dich dieser Unfall mit all seinen Konsequenzen gezeichnet?
    „Ich bin schon etwas vorgeschädigt, denn bereits als Kind hatte ich einen Unfall, seit dem ich großen Respekt vor dem Straßenverkehr habe. Diese körperlichen Beschwerden zusammen mit der psychischen Belastung haben mich wirklich stark geprägt. Insbesondere, wenn im Straßenverkehr jemand vor mir links abbiegen möchte, kommt dieses Déjà- Vue- Erlebnis immer wieder hoch. Ich hatte mehr als einen Schutzengel und ich bin sehr froh, dass nichts Schlimmeres geschehen ist.“

    Hast du dir professionelle Hilfe gesucht?

    Ich hatte großen Redebedarf. Auch wenn ich mich mit meiner Familie und Freunden austauschte, eine professionelle Therapie wurde dadurch natürlich nicht ersetzt. Ich bemerkte, dass ich sehr zügig in diese typische Abwärtsspirale reingeriet. Sozialer Rückzug und wenig Teilhabe an schönen Lebensaktivitäten, das war mein damaliger Lebensalltag. Durch die körperlichen Schmerzen und die seelische Belastung wurde ich immer depressiver.
    Nach wenigen Wochen zu Hause konnte ich glücklicherweise zügig mit einer Psychotherapie beginnen. Parallel dazu erhielt ich unterstützend zur Therapie ein Antidepressivum.
    Von Januar bis März 2017 begab ich mich für sechs Wochen in die psychosomatische Klinik Bad Neustadt an der Saale. Der Fahrradunfall spielte hier eine große Rolle, aber auch weitere Themen, die mich so stark beschäftigten. Erst während dieses Aufenthaltes wurde mir bewusst, wie sehr meine Brustkrebs- Erkrankung mir zusetzte. Die Amputation der einen Brust stellte für mich nicht nur ein ästhetisches Problem dar. Zudem war meine Schwester, zu der ich eine starke Bindung hatte, auch sehr krank. All das überschattete mein Familienleben und ich konnte es vorher nie richtig verarbeiten. Während meiner Therapie habe ich „Werkzeuge“ an die Hand bekommen, die mir dabei halfen mit all dem besser umzugehen.“

    Wie hat sich deine Therapie gestaltet?

    „Mein Unfall war oft präsent. Selbst als Beifahrerin war ich schlagartig unter Stress und voller Angst, dass jeden Moment wieder ein Unglück geschehen würde. Ich war sehr unsicher und dachte ständig „Es passiert gleich wieder!“ Das hat mich aus der Bahn geworfen und im Alltag stark eingeschränkt. Ich fühlte mich wie ein Hund an der Kette, der nur über einen begrenzten Radius verfügt, innerhalb dessen er sich bewegen kann. Mit Hilfe der Eye Movement Desensitization and Reprocessing- Therapie (EMDR) wurden meine Beschwerden erfolgreich ausgeschaltet. Auf Deutsch übersetzt bedeutet EMDR so viel wie „Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegungen“, eine in den USA speziell entwickelte Behandlungsmethode für traumatisierte Personen. Das hat mir wirklich sehr geholfen, diese Methode kann ich nur weiterempfehlen. Nach etwa acht Wochen waren schon erste Verbesserungen zu spüren, und durch den Klinikaufenthalt und die Langzeittherapie hat sich meine Depression deutlich gebessert. Heute kann ich mein Leben wieder besser genießen.“

    Hegst du einen Groll gegen den Unfallverursacher?

    „Nein, dieser war ein 87- jähriger Mann, der nicht vorsätzlich gehandelt hat und selbst total unter Schock stand. Das hätte jedem passieren können. Ich erinnere mich, er sagte noch so schön, er wäre seit fast 70 Jahren unfallfrei gefahren.
    Der Rechtsstreit läuft immer noch. Da es sich um eine länderübergreifende Angelegenheit handelt, verläuft das ganze Prozedere sehr zäh. Mal schauen, was das Endergebnis sein wird.“

     

    Was kannst du diesem Unfall abgewinnen?

    „ Der Unfall war insofern gut, dass er mir dabei geholfen hat zu erkennen, dass ich beruflich gesehen nicht mehr so weitermachen kann, wie bisher. Meine Belastungsgrenze ist erreicht. Die komplexen Strapazen, die man als Krankenschwester in Zeiten des heutigen Personalnotstandes erlebt, sind für mich nicht mehr tragbar. Das System droht zusammenzubrechen. Zudem sind beispielsweise die ungünstigen Arbeitszeiten, MRSA- Erreger (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), die hohen psychischen und physischen Anforderungen, die schlechte Bezahlung und die Vernachlässigung des Familienlebens negative Umstände, die meine Entscheidung nicht mehr in diesem Beruf zu arbeiten, unterstützt haben. Ich bin froh, dass ich erkannt habe, dass es so nicht weitergeht.
    Nach einer 5-wöchigen Reha wurde festgestellt, dass ich täglich nur noch bis zu 3 Stunden arbeitsfähig bin. Befristet auf 3 Jahre erhalte ich nun die volle Erwerbsminderungsrente und das ist eine Riesenentlastung für mich. Im Alter von 58 Jahren und mit solchen körperlichen Einschränkungen, wie Knieproblemen, den Folgen der vergangenen Brust- OP und der sonstigen orthopädischen Problematik ist ein voller Einsatz als Gesundheits- und Krankenpflegerin nicht mehr zu realisieren.


    Die Geschehnisse haben mich zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Der Ausdruck meiner seelischen Probleme war der Türöffner für meine gewonnenen Erkenntnisse. Endlich durften meine Gefühle mal heraus. Mein Leben lang versuchte ich stets zu funktionieren. Durch meinen stressigen Job standen immerzu andere Menschen im Vordergrund, zusätzlich dann auch noch Familie, Haushalt und weitere Verpflichtungen gehandelt zu bekommen, war alles andere als einfach. Heute ich nehme ich mir endlich Zeit für mich und arbeite alles auf.

    Warum wolltest du dieses Interview führen?
    „Mein Unfall hat mir die Chance gegeben einen neuen Weg zu gehen. Für die einen ist der Weg in die Rente der Richtige, für andere kann eine berufliche Neuorientierung erleichternd sein und für die meisten Menschen ist die Therapie eine wahre Stütze nach einem traumatischen Erlebnis, das würde ich gerne nochmal betonen.
    Zudem möchte ich Menschen, die in ähnlichen Situationen stecken, einen Anstoß geben sich um sich zu kümmern und sich helfen zu lassen. Selbst, wenn ich nur einer einzigen Person helfen und Mut machen kann, freue ich mich. Wenn es mehrere Menschen sind, wäre es natürlich noch erfreulicher. “

    „Jeder neue Tag ist eine Chance glücklich zu sein.“ [spruchwelt.com]

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