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  • Samstag, 19. Dezember 2015,

    …und es war ein Platz in der Herberge!

    Leben jetzt im Bohnental: Die Familie von Amjad Srour Al Malah

    Seit Juli 2015 bewohnt eine siebenköpfige Flüchtlingsfamilie das Pfarrhaus in Scheuern. Nach einer langen Flucht aus dem durch Krieg und Terror gebeutelten Syrien fanden sie im Bohnental ein neues Zuhause. Unser Autor Arno Jos Graf erzählt ihre Geschichte.

    Als Pfarrer Johann Tressel im Jahre 1900 ein neues Pfarrhaus in Scheuern erbauen ließ, weil das alte aus dem Jahre 1787 baufällig geworden war, ahnte wohl niemand, dass dort einmal eine Familie aus dem „biblischen Morgenland“ wohnen würde. Jetzt, 115 Jahre später, hat eine syrische Familie, auf ihrer Flucht vor Terror und Krieg, in diesem „geistlichen“ Hause eine neue Heimstatt gefunden.

    Nach einer Beratung mit dem Pfarrverwaltungs- und dem Pfarrgemeinderat sowie Pastor Dr. Ulrich Graf von Plettenberg konnte die erste Etage des Pfarrhauses mit 5 Zimmern, einer Küche und einem Bad mit Toilette als komplette Wohnung hergerichtet werden. Dafür waren einige Umbauarbeiten und eine Umstrukturierung der Räumlichkeiten für Bücherei, Frauengemeinschaft, Krabbelgruppe und Messdiener notwendig.

    Die Familie bei der Krippenausstellung mit Bürgermeister Hermann Schmidt, Ortsvorsteher Dietmar Lauck mit Gattin Ellen und Krippenbauer Roman Warken.

    Die Familie bei der Krippenausstellung mit Bürgermeister Hermann Schmidt, Ortsvorsteher Dietmar Lauck mit Gattin Ellen und Krippenbauer Roman Warken.

    Am 10. Juli 2015 traf dann die Flüchtlingsfamilie in Scheuern ein: ein junges Ehepaar, beide 36 Jahre alt, und seine fünf Kinder hatten endlich, nach einer langen Odyssee, eine „Herberge“ befunden. Vater Amjad Srour Al Malah und seine Frau Safaa stammen aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. Dort haben sie 2005 geheiratet, „es war Liebe auf den ersten Blick“ wie beide strahlend bekunden. Amjad arbeitete als Physiotherapeut und Buchhalter und Safaa als Lehrerin in einer Grundschule. Und wenn die Zeit es zuließ, halfen sie auch noch im elterlichen Restaurant aus. 2006 kam der kleine Al Baraa zur Welt und 2008 die Zwillinge Taim und Tala, ein Junge und ein Mädchen. Die junge Familie bewohnte ein eigenes Haus und sah einer glücklichen Zukunft entgegen. Aber nur drei Jahre später brach der syrische Bürgerkrieg aus, eine brutale militärische Auseinandersetzung zwischen Truppen der Regierung und verschiedenen Oppositionsgruppen, aber auch marodierender Banden. Zudem bildeten sich mafiotische Strukturen: Entführung, Erpressung und Raub waren alltäglich. Amjads Cousin wurde entführt und dadurch Lösegeld erpresst, das Auto der Familie wurde gestohlen. Wenn der junge Vater morgens sein Haus verließ, dann war er nie sicher, ob er seine Familie wiedersehen würde. Einer der fünf Brüder seiner Frau wurde erschossen.

    Bisweilen gab es eine Stunde am Tag Elektrizität und manchmal nur zweimal in der Woche fließendes Wasser. Zudem kamen dann 2012 die Zwillinge Layan und Joud zur Welt. Das Haus der Schwiegereltern und das eigene Haus wurden zerstört und auch die Versorgung mit den nötigsten Nahrungsmitteln wurde immer schwieriger. In dieser Situation war der Rat von Amjads Vater: Junge, du musst deine Familie in Sicherheit bringen, in diesem Krieg haben deine Kinder keine Zukunft! Ein Freund empfahl Algerien als mögliches Ziel; mit einem Teil des noch verfügbaren Geldes wurde ein Flug gebucht, und in der Hoffnung, endlich ein friedliches Zuhause zu finden, landete die Familie in dem Maghrebland, dem größten afrikanischen Staat.

    Aber dort waren sie nicht willkommen, eine schäbige Wohnung, Erdbeben, Terroranschläge und Entführungen, ein Weg vom Regen in die Traufe; dann eine riskante Flucht nach Marokko, und dort, nach den bisherigen Erfahrungen, fassten Amjad und Safaa den Entschluss nach Europa, in eine möglicherweise friedlichere Region zu fliehen. Vielleicht wäre ja Deutschland, ein Land, das ebenfalls durch eine traumatische Kriegserfahrung gegangen ist, das richtige Ziel? Mit dem restlichen Geld, per Schiff, per Zug, per Bus, zu Fuß und durch Mitfahrgelegenheiten, gelangte die junge Familie nach Saarbrücken und begegnete zum ersten Mal auf ihrer Flucht einem freundlichen und lachenden Behördenmitarbeiter. Es folgte die Weiterleitung in die Aufnahmestelle nach Lebach: erstmal ein Zimmer mit Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftsbad und Gemeinschaftstoilette.

    Und dort passierte dann das Unglück: Der kleine zweieinhalbjährige Joud stößt mit der Tür gegen den etwas wackeligen Herd auf dem ein Topf mit kochendem Wasser steht, der Topf fällt um und das kochend heiße Wasser trifft den kleine Buben. Ein Rettungshubschrauber bringt das schwer verletzte Kind in die Klinik nach Mainz. Wie Amjad berichtet, erfahren die Kinder erstmalig, dass Hubschrauber bunt sein können und Hilfe bringen, denn bislang kannten sie solche Fluggeräte nur als dunkle, schießende und totbringende Maschinen. Nach 20 Tagen war das Schlimmste für den kleinen Joud überstanden und er durfte zu seinen Angehörigen. Zudem kam der Bescheid, dass eine Wohnung für die Familie gefunden war – eben die von der Katholischen Pfarrgemeinde St. Katharina angebotene Heimstatt im Pfarrhaus in Scheuern.

    Die Patenschaft für die syrische Familie übernahmen spontan der Ortsvorsteher von Scheuern, Dietmar Lauck mit seiner Gattin Ellen. Die Gemeindeverwaltung in Tholey, die noch Sorge tragen muss für viele zusätzliche Flüchtlinge, half bei der Organisation und der Ausstattung der neuen Wohnung. Das Engagement und die Herzlichkeit der zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, die fürsorgliche Zuwendung von Alexander Löw, dem praktischen Arzt, der sich um die Nachbehandlung der schweren Verbrennungen des kleinen Joud kümmerte, und die freundliche Aufnahme in der Dorfgemeinschaft haben die jungen Eltern zu Tränen gerührt.

    Vater Amjad und der älteste Sohn Al Baraa kicken für den SV Scheuern

    Fußball verbindet: Vater Amjad und der älteste Sohn Al Baraa kicken für den SV Scheuern.

    Mittlerweile spielt der Papa Fußball in der AH-Auswahl in Scheuern, Al Baraa, der älteste Junge spielt aktiv in der Ortsmannschaft, die Kleinsten fühlen sich pudelwohl in der Schule bzw. im Kindergarten. Die Kinder sprechen schon recht gut Deutsch, und Mama und Papa üben auch schon fleißig die Sprache ihrer neuen Heimat, denn bisher gelang die Konversation nur auf Englisch. Berührend und beindruckend ist, was der junge Vater, als sunnitischer Muslim, nach seinem Weg aus dem kriegerischen Terror in eine friedliche neue Heimat, zu seinem neuen Zuhause sagt: Als er im heißen Sommer, nach der ersten ruhigen Nacht, morgens aufwachte und den angenehmen Schatten der christlichen Kirche über seiner Wohnung spürte, fühlte er sich und seine Familie beschützt und geborgen. Vielleicht dürfen wir dieses Wort als eine Umsetzung der weihnachtlichen Botschaft deuten, wir haben einer jungen verfolgten „Familie aus dem Morgenland“ eine Herberge gegeben…

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