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  • Montag, 28. Januar 2019,

    St. Wendel: Zentrale Gedenkveranstaltung des Landkreises – Eine Veranstaltung, die nachdenklich macht

    Prof. Dr. Roland Rixecker, Antisemitismus-Beauftragter des Saarlandes

    St. Wendel. Der Landkreis St. Wendel führte gestern im Gymnasium Wendalinum die fünfte zentrale Gedenkveranstaltung zum internationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus durch. Prof. Dr. Roland Rixecker, Präsident des Verfassungsgerichtshofs des Saarlandes und erster Antisemitismus-Beauftragter des Saarlandes, referierte zum Thema „Antisemitismus im Lichte der Verfassung und der Gesetze“. Die Schülerinnen und Schüler des Seminarfachs „WNW – Wider das Vergessen“ beeindruckten mit ihrer Präsentation die voll besetzte Aula und regten zum Nachdenken an. Moderiert wurde die Veranstaltung von Historiker Bernhard W. Planz.

    In seiner Begrüßungsrede betonte Landrat Udo Recktenwald die wichtige Bedeutung der Erinnerungsarbeit. „Wir gedenken, weil es auch bei uns Opfer gab, weil auch bei uns die unmenschliche Barbarei herrschte und wir tun dies mit vielen Fassetten der Erinnerungskultur zu denen auch dieser Gedenktag gehört.“

    Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich gegen antisemitische Auswüchse zu wehren, diese einzudämmen, aufzustehen, wenn Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Hass und Hetze, wenn die Glorifizierung der NS Zeit um sich greift. Und wenn man viele aktuelle Vorgänge rund um die AfD, um NSU verfolge, müsse einem „Angst und Bange werden“. „Und dann müssen wir aufstehen. Wir müssen aufstehen! Es reicht nicht, wenn wir zu Hause auf der Couch sitzen und das Ganze am Fernseher verfolgen. Wir müssen uns wehren. Wir sind eine wehrhafte Demokratie, eine wehrhafte Gesellschaft und das sollten wir gemeinsam tun“, rief Recktenwald zum gemeinsamen Handeln gegen Antisemitismus auf.

    Auf seine Rede folgte eine nachdenklich machende Präsentation der Schülerinnen und Schüler des Seminarfachs „WNW – Wider das Vergessen“. Anhand der Geschichte Fritz Berls, einem ehemaligen jüdischen Schüler des Gymnasium Wendalinum, stellten sie das grausame Schicksal der Juden – auch derer, die im St. Wendeler Land lebten – dar. Sie gingen auf seine unbeschwerte Kindheit ein, die er in St. Wendel verbrachte – bis die NS Diktatur einbrach. In seiner Jugend konnte er erst nicht mehr die Schule besuchen, weil er selbst dort weder vor seinen Mitschülern noch vor seinen Lehrern sicher war. Auf den Wunsch seiner Mutter hin musste er aus dem Land fliehen und lebte fortan im heutigen Israel. Der Abschied, den er vor seiner Flucht von seiner Mutter nahm, sollte der letzte zwischen den beiden gewesen sein. Sie blieb zurück und verstarb wenige Zeit später. Das Publikum war zutiefst beeindruckt und gerührt.

    Im Rahmen des Seminarfachs polieren die Schülerinnen und Schüler unter anderem die Stolpersteine in der Stadt, die ermordeten Juden gedenken und pflegen ihre eigene Webseite http://wnw-wider-das-vergessen.de/, die sie regelmäßig mit Geschichten über Fritz Berl füllen. Sie sind auf Instagram aktiv und haben eine App kreiert, um auch die jüngeren Generationen zu erreichen und darauf aufmerksam zu machen, welche Verantwortung uns unsere Vergangenheit mitgibt. Wir dürfen nicht wieder geschehen lassen, was einst die ganze Welt so sehr in Mitleidenschaft gezogen hat!

    Wie der Antisemitismus im Lichte der Verfassung und der Gesetze ausgeführt wird, darauf ging der erste Antisemitismus-Beauftragte und Präsident des Verfassungsgerichtshofs des Saarlandes, Prof. Dr. Roland Rixecker, ein. Dr. Rixecker begann seine Rede mit Beispielen antisemitischer Haltungen, die erst kürzlich in unserem Land zu beobachten waren. „Vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland, letzes Jahr: zwei Männer drohen mit zerbrochenen Flaschen morgens zur Arbeit fahrenden Frauen und Männern und rufen ‚alle Juden müssen brennen‘, […] ein Mann ruft Gästen eines jüdischen Restaurants zu ‚in Deutschland ist kein Platz für Juden‘.“ Schon mit diesen Beispielen hat er auf die traurige Wahrheit aufmerksam gemacht: „Eine zentrale, unabhängige und beratende Stelle, welche die Bekämpfung antisemitischer Haltung und Äußerungen jeglicher Form und die Eindämmung antisemitischer Vorfälle und Straftaten zur Aufgabe hat“, ist in der heutigen Zeit notwendig geworden – leider.

    Dr. Rixecker zählte Straftaten im Rahmen antisemitischer Handlungen auf, die sich letztes Jahr zwischen 1.500 und 1.600 bewegten. „Das alles verletzt natürlich das Gesetz, vorsätzliche Körperverletzungen, Nötigungen, Sachbeschädigungen, die Volksverhetzung, durch Aufstachelung und zum Rassenhass, das alles ist zweifellos kriminelles Unrecht, das Polizei, Staatsanwaltschaft und Strafgerichte verfolgen.“

    „Aber ganz häufig sind es natürlich Straftaten im Verborgenen, deren Motivation von Hass gegen Juden gespeist wird. Nahezu immer handeln Täter heimlich. Sie sind allen Bekenntnissen zu völkischem Heldentum zu wider, nämlich schlicht feige.“

    Alles was an Verletzungen nicht körperlicher Art an Jüdinnen und Juden Tag für Tag geschehe, das alles seien Geschehnisse, die nicht ohne Weiteres Strafbar seien.

    Welche Folgen haben Verletzungen unterhalb der Schwelle von Kriminalität? Es ist unverzeihlich! „Durch solchen Hass wird eine ganze Gesellschaft mit Hass erfüllt, durch solchen Hass wird eine ganze Gesellschaft mit Angst erfüllt. Das ist ein ungeistiger Landfriedensbruch“, erläuterte Dr. Rixecker.

    Zu seiner Aufgabe als Antisemitismus-Beauftragter gehört, sich solcher Entwicklungen anzunehmen, sie zu beobachten und vor ihnen zu warnen. All diejenigen zu bestärken, die solchen Entwicklungen widerstehen. Er ist eine Art Kümmerer für jüdische Menschen in Angst und nicht-jüdische Menschen, die genau das wollen, was wir alle wollen: „Nämlich uns, unseren Kindern und Nachfahren eine Zivilgesellschaft zu sichern, in der wir durchaus streitbar sein dürfen, kontroverse Auffassungen über das Richtige kraftvoll vertreten dürfen, in der wir aber friedfertig miteinander, respektvoll miteinander kommunizieren.“

    Dazu gehört auch, Sensibilität zu wecken. Zu erkennen, was solche Verletzungen anrichten können. Wir dürfen unsere Augen nicht verschließen! Und geraten wir in eine Situation oder werden wir Zeuge antisemitischer, rassenfeindlicher Äußerungen dann schauen wir hin, wir zeigen darauf und wir wehren uns, für unsere Mitmenschen und für unsere Zukunft!

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