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  • Sonntag, 24. November 2019,

    Richten über Lebensschicksale – Interview mit Asylentscheiderin Luisa K. aus dem Landkreis St. Wendel

    Luisa K. aus dem Landkreis St. Wendel ist Entscheiderin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in der Außenstelle Lebach. Sie hat den St. Wendeler Land Nachrichten interessante Fragen über ihre Arbeit als Asylentscheiderin über die Aufenthaltsschicksale ausländischer Bürger beantwortet:

    Luisa, was kannst du unseren Leserinnen und Lesern über dich berichten?

    „Seit mehreren Jahren bin ich als Asylentscheiderin für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge tätig und bin in der Außenstelle Lebach eingesetzt. Ich bin für Anhörungen von ausländischen Antragstellern und die darauffolgenden Bescheiderstellungen, ablehnender oder anerkennender Art, zuständig. Die Prüfung und Entscheidung über die Asylanträge liegt nicht immer klar auf der Hand. Man hat mit ängstlichen und teils traumatisierten Menschen zu tun, die auf Unterstützung hoffen. Ich entscheide, ob jemand schutzbedürftig ist und in Deutschland bleiben darf oder nicht. Flüchtlingsschutz (Schutz für drei Jahre) wird den Asylsuchenden gewährt, wenn das Leben oder ihre Freiheit in ihrem Herkunftsland aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politischen Überzeugung bedroht wäre. Ein Beispiel wäre hierzu, die Verfolgung eines Syrers durch den Staat, weil er politisch tätig ist, jedoch nicht in der Regierungspartei sondern in der Opposition. Auch die Desertation eines Soldaten oder die Verweigerung des Wehrdienstes, weil die Menschen nicht an Kriegshandlungen teilnehmen wollen, sind Beispiele. Darüber hinaus gibt es auch einige Berufe, die potenziell eher gefährdet sind, wie z.B. Journalisten, Künstler, Lehrer und Ärzte. Es ist auch nicht wichtig, ob man wirklich eine andere Gesinnung hat, alleine die Tatsache, dass der Verfolger einem diese zuschreibt und man deswegen verfolgt wird, ist für uns entscheidend. Der subsidiäre Schutz (1 Jahr) wird bei Verhängung der Todesstrafe im Herkunftsland, wegen erniedrigender, unmenschlicher Behandlung oder Bedrohung des Lebens zum Beispiel durch Kriegssituation im Heimatland gewährt. Wenn keine der zwei Schutzformen in Betracht kommt, kann ein Abschiebeverbot (1 Jahr) erteilt werden. Wenn im Heimatland eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib und Leben besteht, das kann auch eine lebensbedrohliche oder schwerwiegende  Erkrankung sein, die sich durch eine Rückführung ins Heimaltland  wesentlich verschlimmern würde, ist ein Abschiebeverbot auszusprechen.

    Themen wie etwa Abschiebeverbot, asylpolitische Verfolgung und Flüchtlingsschutz gehören zu meinem täglichen Arbeitsgeschehen. Als Entscheiderin sollte man empathisch und sensibel vorgehen und den Antragstellern genügend Zeit geben, damit sie Vertrauen fassen und sich öffnen können. Es ist ein sehr verantwortungsvoller Job.“

    Luisa, die geringe Wertstellung von Frauen in anderen Ländern ist dir sicher nicht fremd. Wie sind deine Erfahrungen, was den Umgang mit männlichen Antragstellern betrifft?

    „Bisher hatte ich diesbezüglich keine Probleme. Die Antragsteller, ganz gleich, ob männlich oder weiblich wissen in der Regel, dass der Anhörungstermin ein für sie maßgeblich wichtiger Tag ist, an dem sie die Möglichkeit haben ihre Fluchtgründe zu schildern und einen Eindruck zu hinterlassen. Wer sich am Tage der Anhörung daneben benehmen würde, würde sich damit selbst in ein sehr schlechtes Licht rücken und das wird den meisten Antragstellern auch bewusst sein. Für gewöhnlich sind die Anhörenden freundlich, kooperativ und versuchen sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Viele sind natürlich auch sehr nervös, da sie nicht wirklich gute Erfahrungen mit Staatsapparaten gemacht haben. Viele nennen mich auch „Richterin“, wenn ich sie frage, ob sie wissen, weshalb sie heute hier sind. Sie wissen, dass ich diejenige bin, die über ihren Aufenthalt entscheidet. Durch den Flüchtlingsstrom im Jahre 2015 kam es auch schon einmal vor, dass es fast zwei Jahre dauerte bis ein(e) Antragsteller(in) einen Anhörungstermin erhalten hat, deshalb ist dieser Tag natürlich sehr wichtig für die Betroffenen.“

    Wie gefällt dir der Job als Entscheiderin?

    „ Es ist ein total abwechslungsreicher Job, der mir viel Spaß macht. Man hat mit vielen verschiedenen Menschen und Kulturen zu tun, natürlich muss man auch ein Gespür für die Feinheiten haben und wenn ein kleiner Detektiv in einem schlummert, umso besser. Es ist einfach sehr interessant sich in andere Kulturen einzuarbeiten, wie heißt es bei einem Sprichwort so schön, andere Länder, andere Sitten. In den vergangenen Jahren habe ich unheimlich viel dazugelernt, die Allgemeinbildung wächst in diesem Job ständig. Aber es wird mir auch immer wieder vor Augen geführt wie glücklich wir uns schätzen können, dass wir in Deutschland geboren sind, beziehungsweise leben. Dinge, die wir als selbstverständlich ansehen, versuchen sich Menschen in ihren Ländern zu erkämpfen. Wir sollten froh und dankbar sein in einer Demokratie leben zu dürfen und eine Wahl zu haben.“

    Wie läuft eine Anhörung ab?

    „Bei einer Anhörung sind in der Regel der Entscheider, der Antragsteller und ein Übersetzer zugegen. Da die Mehrzahl der Antragsteller nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügt, findet die Anhörung in der Muttersprache des Antragstellers statt und wird vom Dolmetscher übersetzt. Nach einer kleinen Begrüßung, etwas Smalltalk, einer Belehrung über die Anhörung und einer kurzen Überblick bezüglich des Aufbaus des Anhörprotokolls, gibt es einen vorgegebenen Fragenkatalog, den ich zunächst abarbeite. Ich versuche auch die Situation etwas aufzulockern, in dem ich mal Fragen zu dem ausgeübten Job oder der Familie stelle. Bei Antragstellern, die nachweislich aus Ländern stammen, in denen Krieg herrscht, lassen sich die Anhörungen normalerweise etwas schneller abwickeln. Manche Personen haben das Bedürfnis viel zu erzählen, bei anderen hingegen muss man sehr viel nachfragen. Es ist unumgänglich, selbstständig und mit Hilfe der uns zu Verfügung stehenden Datenbanken über die Situationslage in den Herkunftsländern zu recherchieren und die Rechtslage exakt zu prüfen. Man muss ebenso darauf achten sich nicht von Mitgefühl leiten zu lassen. Sympathieentscheidungen sind fehl am Platz und unprofessionell.“

    Bist du dir deiner Verantwortung bewusst?

    „Ja absolut, ich bin mir darüber im Klaren, dass ich Entscheidungen über Leben und Schicksale treffe. Ich weiß, dass ich sorgfältig, gewissenhaft und gesetzeskonform handeln muss. Die zentrale Frage ist, ob jemand schutzbedürftig ist oder nicht. Das ist meine Leitfrage.“

    Wie kannst du dir sicher sein, dass du richtige Entscheidung triffst?

    „Ich frage viel und recherchiere sorgfältig. Außerdem denke ich, dass ich mittlerweile auch eine gute Menschenkenntnis habe, die mir dabei hilft, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Oft hilft es auch die Anhörung mit etwas Abstand zu betrachten, dann fallen mir oft noch Sachen auf, die in der Anhörung untergegangen sind. Aber auch die objektive Sichtweise von Kollegen hat mir schon oft weitergeholfen. Hin und wieder kommt es auch vor, dass man versucht mir einen Bären aufzubinden, da passt die Story dann von vorne bis hinten nicht. Trotzdem sollte man immer ruhig und sachlich bleiben. Emotionen haben, so hart es auch klingt, an dieser Stelle nichts verloren. Wütend zu werden, weil ich das Gefühl habe gerade angelogen zu werden, wird mich nicht weiterbringen. Sowas darf man nie persönlich nehmen. Da hilft es meistens schon landesspezifische oder ortskundige Fragen zu stellen, die gewöhnlich nur Einheimische beantworten können. Bei einem wahrheitsgemäßen Sachvortrag haben die Menschen Bilder vor sich und können in der Regel alles Geschehene detailliert beschreiben.“

    Wie ist es für dich, wenn du einen ablehnenden Bescheid erstellst und damit über das Leben und die Zukunft von Menschen entscheidest?

    „Ein ablehnender Bescheid kostet viel mehr Zeit als eine Anerkennung, denn dieser muss ausführlich und haltbar begründet sein, weil er auch vor Gericht Stand halten muss. Da muss ich also meine Entscheidung ganz genau bedenken und belegen. Tatsächlich gibt es auch Menschen, die wirtschaftliche Gründe geltend machen, um in Deutschland Aufenthalt zu erhalten. Natürlich ist klar, dass diese Menschen zwar ehrlich, aber dennoch nicht schutzbedürftig sind. Diese ablehnenden Entscheidungen tun mir, je nach Fall, auch leid, das ist ja menschlich, dass sie sich nach einem besseren Leben sehnen, aber ich muss mich an die Gesetze halten, das ist mein Job.“

    Wie kannst du dich von deiner Arbeit abgrenzen?

    „Bei den ersten Anhörungen war es etwas schwierig sich von den Schicksalen abzugrenzen. Die Krankenschwester vergisst ihren ersten Patienten bestimmt auch nicht so schnell. Wenn mir Frauen davon erzählt haben, dass Schlepper ihr schreiendes Baby über Bord geworfen haben, damit die Küstenwache sie nicht entdeckte, ist das natürlich sehr hart. In solchen Fällen musste ich die Anhörung schon unterbrechen, damit die Betroffenen sich wieder fassen und etwas durchatmen konnten. Man bekommt in diesem Job große Einblicke in das Leben anderer und das ist nicht immer einfach. Ich kann aber den Menschen auch helfen, dass sie hier in Deutschland sicher sind, sie schützen und ihnen ein besseres Leben ermöglichen, das hilft mir bei der Arbeit maßgeblich. Klar, habe ich manches schon mal mit nach Hause genommen, aber mit der Zeit lernt man, sich zu distanzieren. Man kann es sich so vorstellen: Ich mache tatsächlich und symbolisch die Tür meines Büros zu und damit ist die Arbeit für diesen Tag abgeschlossen. Der rege Austausch mit Kollegen kann auch dabei helfen, abzuschalten und zu verarbeiten.“

    Was sind harte Fälle, an die du dich erinnerst?

    „Der Vater einer jungen Antragstellerin war drogenabhängig und konnte die Schulden bei seinem Dealer nicht zahlen. Deshalb hat der Vater seine 17 jährige iranische Tochter mit dem deutlich älteren Dealer zwangsverheiratet um seine Schulden so zu tilgen. Auch wenn Kinder zu Schaden kommen, ist das schwer auszuhalten. Der Stand der Frau ist in vielen Ländern sehr, sehr schwierig. Zwangsehen, Beschneidungen, Vergewaltigungen, Menschenhandel und häusliche Gewalt wird in vielen Ländern nicht geahndet oder bestraft. Die Frauen können sich nicht an die Polizei wenden und sind dem Ganzen schutzlos ausgeliefert. Da ich selber eine Frau bin, sind solche Schicksale für mich natürlich noch realer. Darüber hinaus gibt es wirklich viele harte Schicksale, unter anderem mit Familienmitgliedern, die während der Flucht oder durch Bombardierungen in der Heimat gestorben sind.“

    Luisa, was zeichnet einen guten Entscheider bzw. eine gute Entscheiderin aus?

    „Auf jeden Fall der Sinn für Gerechtigkeit in zweierlei Richtungen. Man darf keinen Schutz „verschenken“ und keine Steuergelder verschwenden. Andererseits muss man schutzbedürftigen Menschen bestmöglich Hilfe bieten. Man sollte aufmerksam zuhören, genau nachfragen, empathisch sein, eine schnelle Auffassungsgabe besitzen und gut schlussfolgern können. Zudem muss man versuchen vorurteilsfrei zu handeln und jedem die gleiche Chance zu geben. Der Sachvortrag kann bei 100 aufeinanderfolgenden Antragstellern nicht stimmen aber bei Person 101 muss man trotzdem unvoreingenommen sein. Man muss harte Entscheidungen treffen können und geltendes Recht befolgen.“

    Hast du schon einmal eine Entscheidung im Nachhinein bereut?

    „Nein. Ich stehe bis heute voll und ganz hinter all meinen Entscheidungen.“

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