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  • Sonntag, 29. März 2020,

    Mahbuba Wer? Wer ist die Frau, die die neuen Fenster in der Tholeyer Abteikirche entwirft?

    Gerhard Richter und Mahbuba Maqsoodi gestalten die neuen Kirchenfenster in der Abteikirche Tholey. Gerhard Richter, der die drei Hauptchorfenster entwirft, gilt als der bedeutendste lebende Künstler der Gegenwart. Der „Kunstkompass“, eine Art Weltrangliste für Künstler, führt Gerhard Richter seit nunmehr 16 Jahren auf der Spitzenposition. Der Film „Werk ohne Autor“, der an das Leben Richters angelehnt ist, wurde für zwei Oscars nominiert.

    Von Mahbuba Maqsoodi, die 31 der 34 neuen Fenster entwirft, hingegen werden die meisten wohl noch nicht so viel gehört haben. 2017 hat sie eine Autobiographie über ihr Leben herausgebracht. Der Titel: „Der Tropfen weiß nichts vom Meer“. Es ist die Geschichte einer Frau, die 1957 in Afghanistan als „wertloses Mädchen“ in eine vom Primat des Männlichen dominierte Gesellschaft hineingeboren wird. Die sich später für die Gleichberichtigung von Mann und Frau einsetzt – wie ihre Schwester Afifa, die diesen Kampf mit dem Leben bezahlt. Es ist die Geschichte einer Frau, die mit ihrem Mann vor den Islamisten flieht und in Russland Kunst studiert und später promoviert. Die als Flüchtling nach Deutschland kommt und sich später als Künstlerin einen Namen macht. Es ist die Geschichte einer beeindruckenden Persönlichkeit.

    Dass Mahbuba Maqsoodi als Künstlerin Karriere machen und im Jahr 2020 31 neue Fenster für die Abteikirche Tholey entwerfen würde, daran ist 1957, als Mahbuba Maqsoodi nahe Herat in Afghanistan geboren wird, nicht zu denken. Dieser außergewöhnliche Weg war alles andere als vorgezeichnet. Weder Frauen noch die Malerei besitzen damals in Afghanistan großes Ansehen. Im Gegenteil.

    „Das Mädchen gehört dem Fremden“

    In dem Land, in dem Mahbuba Maqsoodi geboren wird, gilt die Geburt eines Mädchens als eine schlechte Nachricht. Ja, sogar als ein Unglück. Ein afghanisches Sprichwort besagt: „Das Mädchen gehört dem Fremden.“ Das heißt: Eine Frau ist eine Sache. Wie ein Haus. Oder ein Kamel. Sie gehört nicht sich selbst, sondern steht im Eigentum ihres Vaters, ihrer Brüder, später ihres Mannes. Mit der Heirat verliert eine Frau ihren Rufnamen. Sie wird jetzt nicht mehr bei ihrem Namen gerufen, sondern ist „die Frau des Soundso“. Viele Jahre kennt Maqsoodi daher noch nicht einmal den Namen ihrer eigenen Mutter.

    Wen sie heiraten, dürfen viele Frauen nicht selbst entscheiden. Viele Ehen sind arrangiert. Schon neunjährige Mädchen können verheiratet werden. Maqsoodis Mutter wird schon als Kind zur zukünftigen Frau von Maqsoodis Vater bestimmt. Bei der Hochzeit ist sie erst 14 Jahre alt. Solche arrangierten Ehen seien „nicht immer glücklich“, formuliert es Maqsoodi vorsichtig. Doch Maqsoodis Eltern führen eine „liebevolle und harmonische Ehe“.

    Frauen gelten in der afghanischen Gesellschaft, in der Maqsoodi aufwächst, als schwach – körperlich und geistig. Als Maqsoodi geboren wird, haben Frauen so gut wie keinen Zugang zu Bildung. Maqsoodis Mutter ist Analphabetin. Auch Gewalt gegen Frauen ist weit verbreitet.

    In dem Land, in dem Mahbuba Maqsoodi groß wird, gelten Frauen zwar als wertlos. Jedoch können Töchter „für gutes Geld“ verkauft werden. Es kommt sogar vor, dass ein Vater eine Tochter verkauft, um sich eine Zweit- oder Drittfrau leisten zu können.

    Familie geprägt durch den Vater – „Ich bin ihm zutiefst dankbar

    Doch Maqsoodi hat Glück. Sie gehört in dieser frauenfeindlichen afghanischen Gesellschaft zu einer glücklichen Minderheit. Und das hat vor allem mit ihrem Vater zu tun. „Der Reichtum, den er uns durch seine Liebe, seine Aufgeschlossenheit und sein durch und durch gerechtes Wesen schenkte, war unermesslich. Ich bin ihm zutiefst dankbar“, schreibt Maqsoodi in ihrer Autobiographie, die auch als eine Hommage an ihren Vater zu verstehen ist.

    Das Gemälde auf Glas, das Maqsoodis Vater darstellt, trägt den Titel „Vielfalt“ (Foto: Matthias Haslauer, © Atelier Maqsoodi)

    Obwohl die Geburt einer Tochter als Unglück gilt, heißt Maqsoodis Vater die Ankunft jeder seiner sieben Töchter „mit weit offenem Herzen willkommen“. Maqsoodi hat auch zwei Brüder. Doch diese sterben früh. Maqsoodis Vater ist auch ohne Sohn glücklich: „Niemals hat er etwas gezeigt, was auf Unzufriedenheit hingedeutet hätte“, schreibt Maqsoodi in ihrem Buch.

    Maqsoodis Vater ist es wichtig, dass seine Töchter eine gute Bildung erhalten. Maqsoodi besucht die einzige höhere Schule für Mädchen in Herat, einer Stadt, in der damals 100.000 Einwohner leben. Als die Familie von Herat in ein Dorf zieht, wo es keine Schule für Mädchen gibt, wird ihr Vater aktiv. Damit seine Töchter weiter zur Schule gehen können, sorgt der Vater mit viel ehrenamtlichem Engagement für die Gründung einer Mädchenschule.

    Von Gewalt bleibt Maqsoodi verschont. Weder ihre Mutter noch ihre Schwestern werden vom Vater geschlagen. Auch heiraten dürfen Maqsoodi und ihre Schwestern, wen sie wollen. 1979 heiratet Mahbuba den Künstler Fazl Maqsoodi. Es ist eine Liebesheirat.

    Gottgegebene menschliche Rechte“ – Kampf für Gleichberechtigung von Mann und Frau

    Mahbuba Maqsoodis Vater, ein gläubiger Muslim, erzieht seine Töchter zu freien, klar und gerecht denkenden Frauen. Die Erziehung des Vaters ist der Schlüssel dafür, dass sich Maqsoodi schon früh für die Gleichberechtigung von Mann und Frau einsetzt.

    Als Maqsoodi 14 ist, gibt es erstmals Busse in Herat. Maqsoodi steigt in einen Bus ein und bemerkt, dass die acht vorderen Sitze und der Rest des Busses durch eine Kette getrennt werden. Im vorderen Teil des Busses stehen Frauen und Kinder dicht gedrängt. Im hinteren Teil – der für Männer reserviert ist – sind viele Sitze leer. Für Maqsoodi eine grobe Ungerechtigkeit. Ohne zu überlegen löst Maqsoodi die Kette vom Haken. Einige Frauen setzen sich auf die freien Plätze, die meisten jedoch bleiben stehen. „Ich hatte keine Ahnung, was erlaubt und was verboten war, wie weit die Scharia reichte – es war eine spontane Protestaktion“, schreibt Maqsoodi.

    In den 1970er-Jahren gibt es einen bedeutenden Wandel in Afghanistan. Neue Parteien entstehen. Maqsoodi ist vom Sozialismus überzeugt und wird wie ihre Schwester Afifa Mitglied in der marxistisch-leninistischen DVPA. Nach ihrem zweijährigen Biologie- und Chemie-Studium wird sie Gymnasiallehrerin an einer Mädchenschule.

    1978 übernimmt sie die Leitung einer Einrichtung für Frauenförderung. Diese Einrichtung, zu der auch ein Kindergarten gehört, bietet mehrere Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen. Doch die Arbeit ist nicht ungefährlich. Die Arbeit gilt als „gottlos, von kommunistischer Ideologie durchtränkt und gegen den Glauben gerichtet“. In ihrem Buch schreibt Maqsoodi: „In einer vom Primat des Männlichen beherrschten Gesellschaft genügte allein schon die Aussage, dass Mann und Frau gleiche Rechte haben, um unter dem Schutz der Scharia die Gottlosigkeit scheinbar zu beweisen.“

    Wie gefährlich der Kampf für die Gleichberechtigung von Mann und Frau tatsächlich ist, zeigt sich im August 1979. Maqsoodis Schwester Afifa, Direktorin einer Mädchenschule, bezahlt ihren Kampf für Gleichberechtigung mit dem Leben. Auf dem Weg zur Schule wird sie von einem Islamisten erschossen. „Der Schuss, der auf unsere Schwester abgefeuert wurde, war so genau gezielt, dass die Kugel ihren Weg durch Afifas Rücken direkt zum Herzen fand“, erinnert sich Maqsoodi. Wenige Tage nach dem Tod ihrer Schwester hält Mahbuba Maqsoodi vor den Schülerinnen von Afifas Schule eine beachtliche Rede: „Ihr seid das Licht (…). Afifa hat für dieses Licht gekämpft. Diejenigen, die es vernichten wollen, zeigen damit nur, dass sie schwach sind und Angst haben.“ Maqsoodi spricht über die Reformen der Regierung und die Gleichberechtigung von Mann und Frau: „Meine Schwester Afifa hat für diese gottgegebenen menschlichen Rechte gekämpft, ihre innere Stimme war ruhig, friedlich und klar. Wir sollen unseren Weg weitergehen, ohne Angst, damit auch unsere innere Stimme ruhig und friedlich bleibt.“

    Studium und Promotion in St. Petersburg

    Doch in Afghanistan wird es Mahbuba Maqsoodi und ihrem Mann Fazl zu unsicher. Ein Stipendium ermöglicht es Mahbuba und Fazl Maqsoodi von 1980 bis 1986 Kunst in der Sowjetunion zu studieren. Um nicht nach Afghanistan zurückzumüssen, schließen Mahbuba und Fazl Maqsoodi an das Studium eine Promotion an. Nach Abschluss der Promotion wird die Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängert. Nach Afghanistan, wo mittlerweile Islamisten an der Macht sind, wollen sie nicht zurück.

    „Anerkannt“

    1992 beantragt Fazl Maqsoodi daher in München Asyl. Zwei Jahre später folgt Mahbuba Maqsoodi mit den beiden Söhnen, die 1980 und 1990 in der Sowjetunion geboren wurden. Im September 1994 erhält Maqsoodi einen Brief, der die Asylgewährung bestätigt: „Ich hatte in Russland schon etwas Deutsch gelernt (…) Ein Wort in diesem Brief sprang mir entgegen, es war fetter gedruckt, und es hieß ‚anerkannt‘.“

    Künstlerin in München

    1996 findet Maqsoodi eine vorübergehende Anstellung bei einer renommierten Werkstätte für Glasmalerei in München. Für Mahbuba Maqsoodi ein Sprung ins kalte Wasser: „Ich war Künstlerin, die keinerlei Erfahrung mit Glasmalerei hatte, genau genommen nicht einmal die geringste Ahnung“, gesteht Maqsoodi, „all das sprach tatsächlich gegen mich.“

    In den folgenden Jahren malt sie vor allem Fenster für Kirchen. Etwas, was in Afghanistan noch undenkbar gewesen wäre. Nicht nur weil die Motive der Fenster christlich sind. Malerei hat in Afghanistan generell keine große Bedeutung. In der Schule hat Maqsoodi zwar das Fach „Schönschrift und Zeichnen“. Dieses wird jedoch weder von den Lehrern noch von den Schülern „wirklich ernst genommen“. „Dieses Desinteresse hing sicherlich damit zusammen, dass mit Künsten wie diesen kein Geld zu verdienen war“, erläutert Maqsoodi. In ihrer Kindheit gibt es in den Häusern ihrer Heimatstadt Herat „so gut wie keine gemalten Bilder“. Es gibt kaum Zugang zu Museen, Galerien oder Ausstellungen. Maqsoodi erklärt warum: „Der Schlüssel dafür, warum man der Malerei, Bildhauerei, dem Tanz und der Musik eher mit Verachtung begegnete, ist wiederum im Glauben zu suchen. Der Islam untersagt die Darstellung lebender Wesen. Einzig Gott ist es erlaubt, Leben zu geben. Da der Mensch diese Fähigkeit nicht hat, steht es im auch nicht zu, Leben abzubilden. Wer ein Lebewesen abbildet, begeht eine schwere Sünde.“

    Mahbuba Maqsoodi findet trotzdem zur Malerei. Als Maqsoodi 16 ist, zeigt ihr eine Freundin ein leeres Parfumfläschchen. Die Schwester der Freundin hatte darauf ein Boot und Wellen gemalt. „Ich war sechzehn Jahre alt, und es war das erste Mal, dass ich dieses Gefühl in mir entdeckte: eine tiefe Begeisterung für Malerei“, erzählt Maqsoodi.  Mahbuba Maqsoodi will daraufhin malen lernen. Sie nimmt Malunterricht in persischer Miniaturmalerei, die in Herat eine jahrhundertelange Tradition hat. Eine folgenreiche Entscheidung – beruflich und familiär. Denn ihr Lehrer – ein Lehrer an der Pädagogischen Hochschule – heißt: Fazl Maqsoodi – ihr späterer Mann.

    Zusammen entwerfen Mahbuba und Fazl Maqsoodi in München unzählige Glasfenster, unter anderem 44 Glasfenster für die Chapel of St.Cecilia in Nashville/Tennessee (2004-2007).

    Im Mai 2009 erhält Fazl Maqsoodi eine schlimme Diagnose: Krebs. Unheilbar. Kurz nach Weihnachten 2010 stirbt Fazl Maqsoodi.

    Im neuen Jahr nimmt Maqsoodi ihre Arbeit wieder auf: „Einige waren darüber ziemlich verwundert, aber ich erkannte darin meine Rettung.“ 2011 gestaltet sie Fenster für die Grace Episcopal Church in Carlsbad/New Mexico. Von 2013 bis 2017 entwirft sie 27 neue Fenster für die Kirche St. Thomas Aquinas in Lincoln/Nebraska.

    Seit 2018 gestaltet sie nun neben Gerhard Richter die neuen Fenster in der Tholeyer Abteikirche.

    Links: Das neue Westfenster „Satanssturz“ von Mahbuba Maqsoodi. Rechts: Das neue südliche Hauptchorfenster von Gerhard Richter. Beide Künstlerfenster wurden in der Glasmalerei van Treeck in München produziert.

    Durch Richter, der sicherlich jährlich tausende Kunstinteressierte nach Tholey locken wird, wird auch Maqsoodis Kunst eine neue, bisher noch nicht dagewesene Aufmerksamkeit erfahren. Mehr Segen als Fluch für Mahbuba Maqsoodi. Denn: Weder vor dem weltberühmten Künstler noch vor seinen Fenstern muss sich Maqsoodi verstecken. Auch ihre Tholeyer Fenster werden Kunstinteressierte aus aller Welt beeindrucken. Und auch ihr Leben, von dem sie in ihrer lesenswerten Autobiographie in 77 Kapiteln erzählt, bietet Stoff für einen Kinofilm.

    Zur Information:

    Mahbuba Maqsoodi, Hanna Diederichs:

    Der Tropfen weiß nichts vom Meer – Eine Geschichte von Liebe, Kraft und Freiheit. Mein afghanisches Herz

    Heyne-Verlag, München 2017, 368 Seiten, 19,99 Euro

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