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  • Sonntag, 30. Juni 2019,

    Lehrer sein – Höllenjob oder Traumberuf? Ein Interview mit Berufsschullehrerin Sarah Lorenz

    Nachdem wir uns im vergangenen Jahr mit sechs Berufsschulreferendaren über die Vor- und Nachteile des Lehrerjobs unterhalten haben, haben wir nun mit der Studienrätin Sarah Lorenz über den Lehrerberuf gesprochen. Mehr darüber erfahrt ihr im folgenden Interview:

    wndn.de: Sarah, kannst du dich uns kurz vorstellen?

    Sarah Lorenz: „Ich bin Sarah Lorenz, 35 Jahre jung, komme aus Bliesen und bin Lehrerin für berufsbildende Schulen. Seit 2014 unterrichte ich die Fächer Pädagogik und Psychologie im sozialpflegerischen Bereich der Dr.-Walter-Bruch-Schule in St. Wendel und an der dortigen Akademie für Erzieherinnen und Erzieher. Ich bin ein lockerer, positiver, lebensfroher und weltoffener Mensch, der Spaß daran hat junge Menschen zu motivieren. In meiner Freizeit reise ich sehr gerne und treibe viel Sport.“

    Sarah, warum bist du Lehrerin geworden?

    „Ich bin als Quereinsteigerin in den Beruf gekommen. Ursprünglich wollte ich nach meiner Ausbildung Fallanalytikerin bei der Polizei, Psychotherapeutin oder Sportpsychologin werden. Als Gesundheits- und Krankenpflegerin hatte ich mit psychisch und physisch kranken Menschen zu tun. Die Einblicke, die ich durch diese Arbeit gewinnen konnte, ermöglichten mir Klarheit im Hinblick darauf, dass ich in Zukunft hauptberuflich mit jungen Menschen arbeiten wollte, bei denen keine Erkrankung im Vordergrund steht. Gegen Ende meines Psychologiestudiums habe ich dann beschlossen meine berufliche Karriere in Richtung Bildung und Lehre auszurichten. Speziell die pädagogische Psychologie hat mich sehr interessiert. Ein weiterer Grund, der für mich von großer Bedeutung für die Entscheidung über meine Berufswahl war, ist die Tatsache, dass der Lehrerjob ein sicherer Beruf mit Zukunftsperspektive ist. All das zusammen hat meinen beruflichen Weg maßgeblich beeinflusst.“

    Beruf Lehrer – Höllenjob oder Traumberuf?

    „Ich würde sagen es ist ein Mix aus beidem. Als Lehrer sollte man dauerhaft klar strukturiert arbeiten, das geschieht nicht von alleine. Es läuft so vieles  nebeneinander ab. Entgegen der Laienmeinung haben wir Lehrer mittags nicht frei, wenn wir nach Hause kommen. Eine angemessene Vor- und Nachbereitung erfordert Zeit und Sorgfalt. Die Teilnahme an Konferenzen, über das Korrigieren von Arbeiten, Berichten und Leistungsnachweisen, das Planen und Durchführen von Veranstaltungen, bis hin zu Praktikumbesuchen und dem Abhalten von Prüfungen sind zeitaufwendige Aufgaben, denen Lehrer gerecht werden müssen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche heterogene Schüler in verschiedenen Schulformen, deren Wissens- und Leistungsstände man als kompetente Lehrkraft entsprechend berücksichtigen sollte. Ich hoffe, dass ich die notwendige hohe Flexibilität und geistige Fitness beibehalte um diesen Job bis ins hohe Alter ausführen zu können.“

    Was ist deiner Ansicht nach das Schwierigste am Lehrer-Dasein?

    „Die Komplexität der gerade beschriebenen Aufgaben ist nicht einfach zu bewältigen. Alles zusammen unter einen Hut zu bekommen und bei zahlreichen gleichzeitig anstehenden Anforderungen einen kühlen Kopf zu bewahren kann ganz schön schwierig sein. Wenn man den Schreibtisch zu Hause hat muss man auch lernen sich selbst Grenzen zu setzen und abzuschalten. Der Lehrerberuf ist der meist gefährdetste Beruf für das Burnout Syndrom. Von daher sollte man auf sich und seine Gesundheit gut achten.“

    Was sind die Sonnenseiten des Lehrerberufes?

    Mein Beruf ist sehr abwechslungsreich, man kann sich viel engagieren, wie etwa im Aufbau von Schulformen. Das Arbeiten mit den Schülern und den Themen, die sie bewegen ist auch ein schöner Aspekt, der mir Freude bereitet. Wenn man merkt, dass die Schüler auch schulübergreifend etwas von mir lernen, wie beispielsweise, dass es wichtig ist umweltbewusst zu handeln, seine Konflikte selbstständig zu bewältigen und einen ehrlichen und offenen Umgang miteinander zu pflegen, dann ist das für mich viel wert“

    Lehrer werden immer für die viele Freizeit, die sie haben sollen, beneidet. Was meinst du dazu?

    „Dass Lehrer so viel  Freizeit hätten dachte ich anfangs auch und das hat ehrlich gesagt auch meine Berufswahl maßgeblich unterstützt. De facto ist das aber nicht zutreffend. Der Unterricht muss vorbereitet, nachbereitet und reflektiert werden. Es stehen regelmäßig Korrekturen, Konferenzen und Fortbildungen an. Teilweise habe ich ungelogen Arbeitszeiten von 60 bis 70 Stunden pro Woche, ich notiere mir diese auch um mir einen Überblick zu verschaffen. Gerade von Februar bis Juni, wenn die Berichtskontrolle erfolgt ist einiges zu tun. Es ist wirklich so, dass man nach Hause kommt, Essen kocht und dann auch direkt wieder an den Schreibtisch muss. Tatsächliche Ferien sind die Sommerferien, wobei man sich da gegebenenfalls auch wieder auf das neue Schuljahr vorbereiten sollte.“

    Wie ist es in Zeiten, in denen Themen wie Inklusion und Integration eine tragende Rolle spielen, den Lehrerberuf auszuüben?

    „Integration und Inklusion waren schon immer relevant, vor allem an Berufsschulen, bei denen starke Niveauunterschiede berücksichtigt werden müssen. Gerade im Berufsvorbereitungsjahr  und in den Werkstattklassen muss man auf manche Schüler besonders eingehen. Für die Berufsbildungszentren ist dies kein Neuland. Es wurden (Landes-) Fachkonferenzen gebildet und neue Prozessanweisungen konzipiert um die hilfsbedürftigen Schüler besser unterstützen zu können und eine bessere Netzwerkarbeit zu ermöglichen.“

    Es wird immer häufiger darüber gesprochen, dass die Schüler heutzutage frecher, ungezogener und unverschämter sind. Kannst du dies mit deinen Erfahrungen bestätigen?

    „ Ich habe in diesem Bereich wirklich Glück und diesbezüglich noch keine nennenswerten negativen Erfahrungen gemacht. Meiner Ansicht nach gab es schon immer solche Schüler, allerdings in anderer Art und Weise. Aufgrund veränderter Erziehungsstile und veränderter menschlicher Umgangsformen hat sich auch das Schüler- Lehrer -Verhältnis anders entwickelt. Heute ist dieses eher partnerschaftlich statt hierarchisch. Lehrer sind teilweise nicht mehr die Respektpersonen, die sie zuvor verkörpert haben. Früher in meiner Schulzeit wurde akzeptiert und befolgt was der Lehrer sagte. Heute wird diskutiert und versucht sich über das Lehrerurteil hinwegzusetzen. Heute geschehen schneller  und häufiger Grenzüberschreitungen mit anderen Schweregraden und anderen Ausmaßen. Bei der Generation Smartphone ist es hier und da auch mal üblich, dass der Lehrer während des Unterrichts gefilmt wird und das Videomaterial zu seinen Lasten bearbeitet und als „Spottvideo“ auf Internetplattformen publiziert wird. Ich persönlich habe mir ein dickes Fell angeeignet. Man muss durchgreifen, konsequent sein und darf nicht einknicken sonst verliert man schnell den Respekt. Ich werde mir und meiner Lehrerpersönlichkeit treu bleiben, denn damit fühle ich mich wohl und angenommen.“

    Sarah, du bist eine junge, attraktive Lehrkraft. Wurdest du schon einmal von Schülern angemacht, umgarnt oder hat dir vielleicht sogar schon einmal ein Schüler oder eine Schülerin seine Liebe gestanden? Wenn ja, wie bist du damit umgegangen?

    „Ich denke es ist völlig normal, dass sich mal jemand verliebt, wenn Menschen miteinander arbeiten. Ich halte hier eine professionelle Distanz für sehr wichtig und durch die klar kommuniziert wird, dass eine Schwärmerei aussichtslos ist.“

    Wie gut oder schlecht findest du die Vergütung von Lehrern?

    „Die Vergütung ist eine Pauschalvergütung, die unabhängig von dem tatsächlichen Arbeitsaufwand zu sehen ist. Ich halte diese nicht für zeitgemäß. Die tatsächliche Arbeitszeit wird nicht berücksichtigt, wir erhalten kein Urlaubsgeld und auch kein 13. Monatsgehalt.“

    Wem würdest du den Lehrer-Beruf warum empfehlen?

    „Ich würde den Job Menschen empfehlen, die Lust und Spaß an der Arbeit mit jungen Leuten haben, auch wenn diese mal mehr und mal weniger motiviert sind. Gute Lehrer sollten kreativ sein und die Fähigkeit besitzen die Schüler anzutreiben. Eine Lehrkraft sollte zudem flexibel und spontan sein, denn jederzeit können unvorhergesehene Änderungen, beispielsweise im Stundenplan erfolgen. Weiterhin muss man in der Lage sein neue Ideen von Schülern aufzugreifen und in den Unterricht einfließen zu lassen.

    Auch an die neuen, wechselnden Schüler muss man sich immer wieder gewöhnen. Darüber hinaus sind eine gefestigte Persönlichkeit mit ausgeprägtem Durchsetzungsvermögen sowie ein hohes Maß an Eigeninitiative notwendig. Trotz Spaß an der Arbeit muss man aber auch klare Grenzen setzen und Nein sagen können. Jemand, der offen und bereit ist von und mit seinen Schülern zu lernen wird sicher viel Spaß bei der Arbeit haben.“

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