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  • Sonntag, 6. September 2020,

    Erfolg beim Abnehmen- ein Interview mit Ernährungsexpertin Marina Hecht

    Ernährungsexpertin Marina Hecht

    Im letzten Teil unserer Serie haben wir mit Fitnessfachmann Dietmar Bill über seine Ansichten zum Thema  „Abnehmen“ gesprochen. Heute befassen wir uns zusammen mit Ernährungs-therapeutin und– beraterin Marina Hecht, damit, wie man die überflüssigen Pfunde dauerhaft loswird. In einem weiteren Teil stellen wir euch, unter Hinzuziehung weiterer Experten, eine Zusammenfassung mit allen Tipps und Tricks für die Wunschfigur vor.



    Frau Hecht, stellen Sie sich kurz vor. Warum sind Sie Ernährungsberaterin geworden?

    „Mein Name ist Marina Hecht, ich bin 30 Jahre alt und komme aus St. Wendel. Das Thema Ernährung spielt  schon länger eine tragende Rolle in meinem Leben. Dass ich Ernährungstherapeutin und –beraterin geworden bin, hängt unter anderem damit zusammen, dass mein Interesse für Ernährung aus meinem eigenen Leiden resultierte.  Als ich das Studium zur Ernährungsberaterin begann, betrieb ich noch exzessiven Leistungssport, hatte eine chronische Sinusitis, nahm aufgrund dessen viele Antibiotika ein, ruinierte mir damit meinen Darm (hier sitzt der Größte Teil des Immunsystems) und wurde immer kränker. Der erste Grundgedanke, als ich mich mit dem Thema Ernährung auseinandersetzte, war es einerseits, meine sportliche Leistung zu halten und andererseits, sie zu steigern. Ich kämpfte also gegen meinen Körper, welcher regelrecht nach Ruhe schrie. Dann entdeckte ich mehr und mehr, wie mächtig das Instrument Nahrung ist und begann mit und nicht gegen meinen Körper zu arbeiten.  Jeder Körper ist individuell und reagiert anders. Dass das Standardwissen in Fachbüchern nicht auf jeden Menschen anzuwenden ist, muss man erst einmal begreifen. Mit dem Thema Übergewicht habe ich mich nach meinem Studium intensiv beschäftigt und direkt ein starkes Interesse für diesen komplexen Bereich entwickelt. Nicht jeder kann mit einer pauschalen Kalorienreduktion abnehmen, da gehört sehr viel mehr dazu.“

    Was genau zum Abnehmen gehört, möchten wir heute besprechen. Was ist Ihr wichtigster Tipp, den man unbedingt beherzigen sollte, wenn man abnehmen möchte?

    „Da gibt es einen sehr guten Tipp, den ich jedem ans Herz legen möchte und der auch pauschal gilt. Sie müssen essen, um abzunehmen, das ist immens wichtig. Crash- und Null-Diäten bringen nichts. Geben Sie Ihrem Körper alle Nährstoffe, die er braucht. Das heißt: Kohlenhydrate, Proteine, Fette, Mineralstoffe, Vitamine und Wasser. Denn die ungeliebten Fettreserven sind für Ihren Körper ein wertvoller „Schatz“ und wenn ihm etwas fehlt, wird Ihr Körper diesen „Schatz“ niemals hergeben.“

    Sie haben es gerade angesprochen- unser Körper benötigt alle wichtigen Nährstoffe, auch Kohlenhydrate. Wie sieht es denn mit den Kohlenhydraten nun aus- haben diese zu Recht einen solch schlechten Ruf?

     „Wenn man gewisse Lebensmittel mit Maß und Ziel genießt, gibt es nur sehr wenige, die als „böse“ betitelt werden können. Vorherrschend sind hier jedoch die verarbeiteten Lebensmittel. In dem Maß, in welchem in unserer Gesellschaft Kohlenhydrate als normal gelten, sind sie definitiv ungesund. Zucker, welcher als einfaches Kohlenhydrat gilt, ist nämlich mittlerweile in sehr vielen Produkten enthalten, in welchen wir ihn nie vermuten würden. Extreme Beispiele wären hier Wurst, Salatsoßen, eingelegte Rote Beete und Fertigpizza. Aber auch bei Fertigprodukten mit Claims wie „30 % weniger Zucker“ ist oft trotzdem genauso viel Zucker oder sogar mehr enthalten, eben nur in einer anderen Form. Drehen Sie zum Beispiel Ihr zuckerreduziertes Müsli mal um und achten Sie bei den Nährwertangaben auf Zutaten, die mit -ose enden, Sie werden staunen. Man sollte sich  kein striktes Verbot von Kohlenhydraten erteilen, eher das Maß und auch die Komplexität sind hier von Bedeutung. Kohlenhydrate sollten Sie nicht ganz weg lassen, sondern in ballaststoffreicher Form zu sich nehmen. Für das Maß gilt das Tellerprinzip: ein Viertel Ihres Tellers sollte mit ballaststoffreichen Kohlenhydraten bestückt sein, dann kann nichts schief gehen. Abends die Kohlenhydrate wegzulassen kann ebenfalls eine Methode sein, um die Kohlenhydrate im Ganzen zu reduzieren.“

    Was ist, Ihrer Meinung nach, das Schwierigste innerhalb des Abnehmprozesses?

    „Das Schwierigste beim Abnehmen ist es, seinen Körper nicht zu übergehen, um auf Biegen und Brechen ein langes Defizit aufrecht zu erhalten. Gelernt haben wir, dass wenn wir weniger essen, wir auch abnehmen. Das stimmt jedoch nicht so ganz, denn unser Körper ist schlau und ein guter Überlebenskünstler. Wenn nun dieses Defizit sehr lange herrscht und noch Nährstoffdefizite hinzukommen, adaptiert sich der Stoffwechsel und unser Körper versucht alle Fettreserven bei sich zu behalten. Dann funktioniert das Fett-verbrennen nicht mehr und unser Körper fährt in den Modus „Lebenserhaltung“ beziehungsweise Sparflamme.“

    Das Abnehmen ist keine leichte Angelegenheit, man kann viel falsch machen.
    Die Devise lautet also „Bewusster Umgang- aber mit Maß und Ziel“.

    „Genau. Bewusster Genuss statt andauernder Konsum, dies sollte etabliert werden. Wir sollten unser  Ernährungsverhalten reflektieren und unbewusste Verknüpfungen wie Essen bei Stress, Trauer oder Liebesentzug lösen.“

    Wie stehen Sie zu strikten Lebensmittelverboten und den sogenannten „Cheatdays“ (Betrugstage)?

     „Hier sehe ich zwei Thematiken, welche ich gerne gesondert angehen möchte.
    Lebensmittelverbote finde ich sinnlos. Wie schon erwähnt, gibt es wenige Lebensmittel, die rein „böse“ sind. Rigide oder absolute Verhaltensweisen bedingen irgendwann immer eine Gegenregulation und dann ist es schwierig wieder in ein normales Essverhalten  zu finden.

    Cheatdays können ein gutes Tool sein, um den Stoffwechsel anzustoßen, jedoch nicht in dem Maß, welches in den sozialen Medien aufgezeigt wird. Hier wird ein Extrem propagiert, das wiederrum zu Essstörungen führen kann.“

    Geburtstagseinladungen, All you can eat- Buffets oder Urlaubsreisen- wie schafft man es, auch in solchen Situationen dem gesunden Lebensstil treu zu bleiben?

    „Ein gesunder Lebensstil sollte grundsätzlich flexibel sein und auch genussvolle Momente beinhalten. In der Praxis habe ich schon oft beobachtet, dass Klienten, denen es körperlich gut geht, die keine Mängel aufweisen, die auf Ihr Hunger- und Sättigungsgefühl achten und sich bewussten Genuss erlauben, kein Problem haben sich am All you can eat- Buffet das herauszusuchen, was ihnen guttut. Auch wenn es dann mal ein Stück Kuchen zum Nachtisch ist. Am Ende kommt es auf die Gesamtbilanz an. Mit Maß und Ziel genießen, das ist wichtig.“

    Wie geht man damit um, wenn Menschen versuchen uns Essen aufzudrängen?

    „Hier gibt es viele Handhabungsmöglichkeiten, die ich individuell empfehle. Wenn Tante Ilse beispielsweise mal wieder extra nur für uns einen Kuchen gebacken hat und dieser gerade gar nicht in unseren Tag passt, weil wir zum Beispiel schon ein Eis gegessen haben, dann hilft es, sich sehr wertschätzend bei ihr zu bedanken, ein Stück von dem Kuchen einfach mitzunehmen und diesen in den nächsten Tagen als Genusseinheit mit einem schönen Kaffee zu verspeisen. Guten Appetit.“

    Was empfehlen Sie, wenn das Gewicht wochenlang stagniert?

    „Hin und wieder braucht der Körper einfach etwas Zeit, um sich an die vorherige Veränderung anzupassen und sich neu zu organisieren. Dann gilt: „Gut Ding braucht Weile“.
    Manchmal ist es jedoch auch sinnvoll einen Stoffwechselaufbau zu machen, also langsam mehr zu essen, um eine Adaptation an eine geringe Kalorienzahl zu verhindern.  Aber bitte nur langsam und mit Anleitung, sonst kann das ganz schnell zu einem Jo-Jo-Effekt ausarten.“

    Wie sieht es aus, wenn man sein Idealgewicht erreicht hat- wie geht es dann weiter? Was muss man tun, um sein Gewicht langfristig zu halten?

     „Am besten erreichen Sie Ihr Idealgewicht mit einem Essverhalten, das Sie Ihr Leben lang durchhalten können. Beenden Sie ein bestimmtes Essverhalten wieder, nehmen Sie auch wieder zu. Also überlegen Sie sich sehr gut, wie Sie abnehmen möchten, denn dieses Essverhalten muss dann auch dauerhaft bleiben. Und ganz ehrlich, was wäre ein Leben ohne Genuss? Den dürfen sie keinesfalls vernachlässigen.“

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