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  • Mittwoch, 9. Dezember 2015,

    „Die Schullandschaft im Landkreis ist zukunftssicher“ – Interview mit Landrat Udo Recktenwald

    Der Landkreis St. Wendel ist als Sachkostenträger für die Ausstattung und die bauliche Unterhaltung der weiterführenden Schulen in der Region zuständig. Dieser Aufgabe ist er in den letzten Jahren auch gerecht geworden.

    Um die Schullandschaft zukunftssicher aufzustellen, entwickelten die Beteiligten ein „Schulentwicklungskonzept“. Aber der demographische Wandel macht auch vor den Schulen im Kreis nicht halt: In den letzten Jahren wurden die weiterführenden Schulen in Namborn und Oberthal geschlossen, Primstal läuft derzeit aus.

    Das Grundproblem: Immer weniger Schülerinnen und Schüler. Aber das Angebot wurde in der Vergangenheit teils kräftig ausgebaut. So haben die Gemeinschaftsschulen in Türkismühle und Marpingen jeweils eine eigene Oberstufe, obwohl sie bis vor ein paar Jahren erfolgreich mit dem Cusanus Gymnasium und dem Gymnasium Wendalinum kooperierten.

    Hinzugekommen ist auch das berufliche Oberstufengymnasium am Berufsbildungszentrum (Dr.-Walter-Bruch-Schule) mit gleich drei Fächerschwerpunkten (Wirtschaft, Technik und Soziales). Im Interview sprechen die St. Wendeler Land Nachrichten mit dem Landrat Udo Recktenwald (CDU) über die Schulen im Kreis.

    wndn.de: „Herr Landrat, wie haben sich die Schülerzahlen im St. Wendeler Land in den letzten Jahren entwickelt?“

    Udo Recktenwald: „Die Schülerzahlen sind aufgrund der demographischen Entwicklung natürlich auch bei uns rückläufig. Wir hatten erstmals im Schuljahr 2010/2011 einen Rückgang und dieser Trend hat sich in den letzten Jahren weiter fortgesetzt. Wir waren vor zehn Jahren bei etwa 8.100 Schülern und sind jetzt bei 7.300. Das zeigt, dass es hier eine Abwärtsbewegung gibt. Wenn man sich allerdings die Prognose der Grundschulabgänger in den nächsten Jahren anschaut, sieht man, dass sich die Zahlen nach einem Rückgang in den nächsten beiden Jahren wieder auf das aktuelle Niveau stabilisieren werden. Bei dieser Prognose sind die Flüchtlingskinder, die in Zukunft in unsere Schulen kommen, noch nicht berücksichtigt. Zurzeit haben wir 177 Flüchtlinge auf den weiterführenden Schulen des Landkreises, wobei sich diese Zahlen nahezu täglich ändern und das zeigt, dass hier Potential ist, mit dem der prognostizierte Rückgang an Schülern in den nächsten Jahren aufgefangen wird. Deshalb denke ich, dass wir auch in den nächsten Jahren in etwa stabile Schülerzahlen haben werden.“

    wndn.de: „Können angesichts dieser Zahlen alle Schulen in Trägerschaft des Landkreises zukünftig bestehen bleiben?“

    Udo Recktenwald: „Ich gehe davon aus, dass wir den Schulentwicklungsplan, der vor zwei Jahren verabschiedet wurde, in dieser Form auch umsetzen können. Wir haben ja bereits strukturelle Veränderungen vorgenommen. So wurden etwa aus zwei Förderschulen eine gemacht. Die entsprechenden Gebäude wurden verkauft und stattdessen haben wir ein neues Förderschulzentrum in Oberthal. Wir haben zwei Gemeinschaftsschulen geschlossen, wobei das ehemalige Schulgebäude in Namborn bereits an die Gemeinde verkauft wurde. Die Gemeinschaftsschule in Primstal wird in den nächsten Jahren auslaufen, sodass wir hier eine Konsolidierung der Schulen vorgenommen haben. In naher Zukunft werden wir mit dem Arnold-Janssen-Gymnasium wohl eines der drei Gymnasien verlieren. Wir haben dann noch zwei Gymnasien, fünf Gemeinschaftsschulen und natürlich die Förderschulen und Berufsschulen. Dies ist eine Basis, von der ich annehme, dass sie vor dem Hintergrund der Schülerzahlen zukunftsfähig ist.“

    wndn.de: „War es unvermeidlich, dass das Arnold-Janssen-Gymnasium schließen musste?“

    Udo Recktenwald: „Ich bedauere das sehr, da ich selbst als Schüler dort unterrichtet wurde und schöne Erinnerungen an meine Schule habe. Es war absehbar, da der Träger der Schule seit vielen Jahren kaum noch selbst im Schuldienst tätig ist. Aufgrund der Entwicklung der Schülerzahlen und aufgrund der Tatsache, dass es neben den Gymnasien weitere Standorte gibt, die das Abitur anbieten, gibt es einfach zu wenige Schüler für drei allgemeinbildende Gymnasien in der Stadt. Hinzu kommt, dass viele Eltern für ihre Kinder das G9-Modell bevorzugen, das auf den Gemeinschaftsschulen angeboten wird. Diese Konkurrenzsituation übt natürlich einen gewissen Druck auf die Gymnasien aus. Deshalb war diese Entwicklung absehbar.“

    wndn.de: „Die beiden verbleibenden Gymnasien Wendalinum und Cusanus bekommen durch die Oberstufen der Gemeinschaftsschulen und des beruflichen Oberstufengymnasiums in St. Wendel immer mehr Konkurrenz. Außerdem bietet die Waldorfschule in Walhausen Abitur an. Muss da nicht zwangsläufig noch ein weiteres Gymnasium in der Kreisstadt in den nächsten Jahren schließen?“

    Udo Recktenwald: „Das glaube ich nicht. In der Regel wechselt ein Drittel der Viertklässler auf das Gymnasium, um nach acht Jahren Abitur zu machen. Wir haben hier also ausreichend Potential für die beiden Gymnasien. Grundsätzlich halte ich es für vernünftig, über die Gymnasien das achtjährige und über die Gemeinschaftsschulen das neunjährige Abitur anzubieten. Das Potential für zwei Gymnasien in unserer Stadt ist da.“

    wndn.de: „Was halten Sie davon, dass auch an den Gemeinschaftsschulen in Theley und Freisen Oberstufen eingerichtet werden?“

    Udo Recktenwald: „Das ist natürlich ein schwieriges Thema, da es bereits zwei Gemeinschaftsschulen gibt, die Abitur anbieten. Insofern ist das eine Frage der Gleichberechtigung. Ich habe mich auch dafür ausgesprochen, dass wir hier Gleichberechtigung herstellen, indem wir den Schulen in Freisen und Theley die gleichen Chancen bieten wie denen in Türkismühle und Marpingen – wohlwissend, dass dies bedeuten würde, noch zwei weitere Schulen mit einer Oberstufe zu haben. Ich kann verstehen, dass Theley und Freisen sich ungleich behandelt fühlen. Wir streben eine einvernehmliche Lösung mit dem Ministerium an.“

    wndn.de: „Immer mehr junge Menschen machen Abitur und sind später im Studium überfordert. Brauchen wir nicht eine Stärkung des Handwerks und damit eine der beruflichen Schulen?“

    Udo Recktenwald: „Ich bin sehr dafür, dass wir das Handwerk stärken. Die Frage lautet hier jedoch: Was heißt das denn konkret? Wir müssen schon stärker für handwerkliche Berufe werben. Um im Handwerk beruflichen Erfolg zu haben, muss man nicht unbedingt Abitur machen. Ich habe eher das Gefühl, dass heute vielen der Weg zum Abitur zu leicht gemacht wird, weshalb dann auch viele im Studium überfordert sind. In meinen Augen wäre es also an der Bildungspolitik, die Lehrinhalte und den Weg zum Abitur zu überdenken. Auf der einen Seite ist die Zahl der Abiturienten und derjenigen, die eine hervorragende Durchschnittsnote erzielen, deutlich gestiegen, auf der anderen Seite beklagen sich Betriebe über mangelnde Ausbildungsfähigkeit der Azubis. Hier scheint es ja irgendwo einen Bruch zu geben zwischen dem, was in der Schule vermittelt wird und dem, was im Beruf gebraucht wird.“

    wndn.de: „Kommen wir zur Rolle des Kreises als Schulträger. Was waren Ihre wichtigsten Projekte in den letzten Jahren?“

    Udo Recktenwald: „Das Wichtigste war natürlich die Neuordnung der Schulstruktur, also die Schulentwicklungsplanung. Diese war natürlich mit schmerzhaften Einschnitten verbunden, hat aber auch dazu geführt, dass wir zukunftsfähige Schulstandorte entwickelt haben. Wir werden im nächsten Jahr 2,7 Millionen € in unsere Schulen investieren, um die Standortbedingungen weiter zu verbessern. Es gibt an jeder Schule auch immer wieder bauliche Schwerpunkte. Wir haben etwa in Türkismühle den kompletten Vorplatz mit Bushaltestelle neu gestaltet. Bauliche Investitionen gab es auch am Gymnasium Wendalinum, hier eher im Bereich Sport, und am Cusanus Gymnasium, wo die Kreismusikschule neu gebaut wurde. Bei allen Schulen sollen weiterhin kontinuierlich energetische Sanierungsmaßnahmen vorgenommen werden.“

    wndn.de: „Wie sieht Ihrer Meinung nach die Schullandschaft in unserer Heimat im Jahr 2020 aus? Was wünschen Sie sich?“

    Udo Recktenwald: „Ich gehe davon aus, dass sich die Schullandschaft bis dahin nicht allzu viel verändern wird. Wir werden erstens das Angebot eines achtjährigen Gymnasiums haben – einmal mit einem sportlichen und einmal mit einem kulturellen Profil. Wir werden zweitens den neunjährigen Weg zum Abitur ermöglichen, wobei alle schulischen Zweige natürlich wohnortnah angeboten werden sollen. Drittens werden wir eine gebundene Ganztagsschule und viertens das berufliche Bildungszentrum mit all seinen Fachbereichen haben. Und natürlich wird es auch 2020 noch als fünfte Säule das Förderschulzentrum in Oberthal für Schüler mit Förderbedarf geben. Davon bin ich übrigens ein Unterstützer – bei aller Inklusion muss man sagen, dass nicht für jeden Schüler die Regelschule das geeignete Angebot ist. Kinder mit Förderbedarf sind dort oft der ewige Zweite, was für die Entwicklung eines jungen Menschen nicht förderlich ist. Aus diesem Grund brauchen wir das Förderschulzentrum. Diese fünf Säulen, die wir ja schon heute so aufgestellt haben, sind eine zukunftsfähige Struktur und so stelle ich mir auch die Schullandschaft im Landkreis St. Wendel im Jahr 2020 vor.“

    wndn.de: „Vielen Dank für das Interview.“

     

     

     

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