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  • Sonntag, 14. Oktober 2018,

    Die Phasen der Trauer: Ein Interview mit Melanie S.

    Vermutlich fällt nicht vieles im Leben so schwer, wie einen geliebten Menschen zu verlieren. Abschied nehmen und akzeptieren, dass eine wichtige Bezugsperson nun zumindest physisch nicht mehr anwesend sein wird. Wie können wir das überstehen? Nach dem Modell der schweizerischen Psychologin Verena Kast gibt es 4 Phasen der Trauer: das Nicht- wahrhaben-wollen, das Emotionschaos, das Suchen und Sich-Trennen und der neue Selbst- und Weltbezug.
    Die 19-jährige Melanie S. aus St. Wendel hat, vor fast einem Jahr, ihre Mutter an den Folgen einer Krebserkrankung verloren. Wir durften mit ihr darüber sprechen, wie sie diese Zeit erlebt hat und wie sie diesen steinigen Weg meistert.

    Melanie, kannst du uns ein wenig über dich erzählen?
    „ Mein Name ist Melanie und ich komme aus Amman, Jordanien. Ich wurde im Alter von 2 Monaten von meinen Eltern aus St. Wendel adoptiert. Ich hatte nie wirklich das Bedürfnis meine biologischen Eltern kennenzulernen, Kontakt war ihrerseits auch von Anfang an nicht erwünscht. Schon im Kindergarten wurde ich gefragt warum ich eine andere Hautfarbe, wie meine Eltern habe. Dadurch, dass meine Eltern schon immer offen und ehrlich mit mir umgegangen sind, habe ich dementsprechend auch nie ein Geheimnis aus meiner Herkunft gemacht.
    Ich wurde immer sehr unterstützt. Selbst für kostenintensive Hobbys waren meine Eltern immer sehr aufgeschlossen. Ich spiele Geige seit ich 5 Jahre alt bin und nahm regelmäßig an musikalischen Wettbewerben teil. Auch Kampfsport und Cheerleading gehörten zu meinen passionierten Freizeitaktivitäten.
    Ich ging zunächst auf die Nikolaus-Obertreis-Schule und anschließend auf das Gymnasium Wendalinum, auf dem ich dieses Jahr, trotz dem Tod meiner Mutter, mein Abitur sehr gut absolvierte. Ich möchte Medizin, Architektur oder International Business studieren. Aktuell bereite ich mich auf den Medizinertest vor, den ich nächstes Jahr erfolgreich bestehen möchte. Ich bin folgendermaßen eingestellt: Desto schwieriger etwas ist, desto mehr Ehrgeiz entwickele ich. Ich mag es nicht, etwas nicht zu können und ich genieße es mir etwas zu beweisen. Meine Mutter hat mich immer gefördert, das ist das Mindeste.“

    Glückwunsch zur bestandenen Allgemeinen Hochschulreife.
    Du hast gerade angesprochen, dass deine Mutter verstorben ist. Kannst du uns erzählen, wie es dazu gekommen ist?
    Melanie berichtet unter Tränen:„ Im Herbst 2017 habe ich von der Krebserkrankung meiner Mutter erfahren. Es kam sehr plötzlich. Meine Mutter hatte zwar schon länger Schmerzen, aber damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Meine Mutter überbrachte mir die Nachricht persönlich. Sie sagte es sehr klar und ehrlich, da wir immer ein gänzlich offenes Verhältnis zueinander hatten. Es war niederschmetternd und kaum zu begreifen.“

    Wie hast du die Zeit zwischen der Übermittlung dieser heftigen Nachricht bis zum Tode deiner Mutter erlebt?
    „ Von dem Tag, an dem ich von der Krebserkrankung meiner Mutter erfuhr, bis zu ihrem Tod, vergingen dreieinhalb Monate. Es gab einen Tag, an dem ich dachte, sie hätte es überstanden. Das war der schönste Tag in meinem Leben. Leider stellte sich kurz darauf raus, dass sich diese Annahme nun doch nicht bestätigen wird. Als ich im Oktober 2017 meinen 18. Geburtstag feierte, war meine Mama noch einmal zu Hause. Es war kurz, aber intensiv.
    Ich hatte während dieser Zeit einen guten Rückhalt in meiner Schule. Ich durfte auch mal spazieren gehen, wenn mir alles zu viel wurde und ich konnte mir Zeit für mich nehmen. Ich bekam keine Noten geschenkt, das war mir sehr wichtig, denn ich wollte alles andere, als Mitleid. Meine Lehrer und Schulkameraden waren sehr bemüht und liebenswert, das war einfach schön. Während dieser Zeitspanne war es so wichtig gute Freunde zu haben, die für einen da sind. Ich bin sehr stolz sagen zu können, dass meine Freunde und mein Partner alles Erdenkliche getan haben, um mich zu unterstützen. Ich ging jeden Tag normal zur Schule und anschließend immer zu meiner Mutter ins Krankenhaus nach Homburg. Wir haben viel geredet, zusammen Kaffee getrunken, uns an den Händen und im Arm gehalten, geschlafen und die restliche Zeit, die uns blieb, genutzt.“

    Warst du dabei, als deine Mutter gestorben ist?
    „ Auch, wenn ich wusste, dass sie sterben würde, so richtig wahrhaben wollte ich das nicht. Irgendwann war absehbar, dass der Tag näher rückt. Als ich in der Schule war, rief mein Vater mich an und sagte mir, dass es Zeit ist zu kommen. Ich wurde dann nach Homburg gefahren, selbst zu fahren traute ich mir in dem Moment nicht zu. Als ich dort ankam, war meine Mutter nicht mehr bei Bewusstsein. Ich war lange bei ihr, machte aber zwischendrin immer Pausen, in denen ich mit meinen Freunden, die extra nach Homburg kamen, eine Zigarette rauchte, spazieren ging oder einfach redete. Ich hatte das Gefühl, dass sie noch weiterkämpfte, solange ich da war. Nach einigen Stunden entschied ich mich nachts Abschied zu nehmen, zu gehen und loszulassen.

    Wie erging es dir in der Zeit nach dem Tod deiner Mutter?
    „Der Tag danach war eigentlich ein ganz normaler Tag, nur das all meine Freunde und meine Familie da waren. Auch, wenn das für manche Menschen eventuell nicht nachvollziehbar ist, habe ich erst mal eine Woche Dauerparty gemacht. Ich war nur unterwegs und feiern. Ich denke ich kann das alles bis heute noch nicht so ganz realisieren. Die typischen Trauerphasen habe ich wohl noch nicht durchlaufen. Jeder Mensch hat eine andere Strategie Dinge zu bewältigen.“

    Nach dem Modell von Verena Kast, ist die erste Phase der Trauer die Verleugnung. Die Trauernden sind in der Regel verzweifelt, fühlen sich hilflos und ratlos. Der Tod des geliebten Menschen wird oft noch gar nicht richtig erfasst. Von Erstarrung, über Verstörtheit, bis hin zu Apathie, ist alles möglich. Was meinst du dazu?
    „ Dass meine Mutter tot ist, verleugne ich nicht und habe ich auch nie. Ich stand natürlich unter Schock und war wie gelähmt, als sie gestorben ist. Ich denke aber, dass das ganz normal ist. Trotzdem konnte ich persönlich die Situation sehr klar sehen. Es war nicht, wie bei meinem Opa, bei dem ich immer wieder in seine Sitzecke starrte und dachte er würde gleich wieder dort sitzen.
    Ich bin mir auch heute darüber im Klaren, dass sie nicht mehr zu mir zurückkehren wird. Ich denke manchmal bewusst an unsere Streite, um diese traurigen Gefühle zu überbrücken und es besser aushalten zu können. Es ist einfach anstrengend. Meine Mama kümmerte sich immer um alles. Sie war immer für uns da. Ich merke deutlich, dass sie fehlt.“

    Die nächste Phase wird oft als Gefühlschaos zwischen Wut, Angst und Trauer beschrieben. Wie war das bei dir?
    „Ich gehe nicht davon aus, dass ich in Depressionen verfalle, das entspricht nicht meinem Wesen, aber eine Phase der Gleichgültigkeit, wie es bei Depressionen oft üblich ist, habe ich bereits durchlaufen. Ich war relativ emotionslos, zumindest nach außen hin. Ich war häufig in dieser „Null Bock“- Stimmung.
    Die Beerdigung wollte ich einfach nur schnell hinter mich bringen, es war wie ein Film. Von nun an, musste ich mich um einige Formalitäten kümmern. Vieles, was meine Mutter vorher erledigte, musste ich nun selbst tun. Ich bin normal schwer auf die Palme zu bringen, aber in dieser Zeit passierte das schon mal häufiger.
    Ich versuche heute alles nach und nach aufzuarbeiten. Ich werde früher oder später auch einen Psychologen aufsuchen, denn dieses Versprechen muss ich noch einlösen. Ansonsten verlief die Zeit, bis auf die Traurigkeit eigentlich recht normal. Es gab keine nennenswerten, außerordentlichen Gefühlsausbrüche. Ich habe mich mit meiner Abiturvorbereitung beschäftigt und mehr Verantwortung, auch meiner Großmutter gegenüber, übernommen. Es war einfach sehr ungewohnt.

    „Das Suchen und Sich- Trennen.“
    Viele Menschen beschäftigen sich in dieser Phase intensiv mit der gemeinsamen Vergangenheit und den gemeinsamen Erinnerungen. Das kann sehr schmerzhaft, aber auch sehr schön sein. Wie hast du das empfunden?
    „ Die schönsten Erinnerungen sind in meinem Kopf. Ich weiß noch, als wir letztes Jahr am Rathausfest einen Flammkuchen gemeinsam gegessen haben, auch heute Morgen hatte ich zum Frühstück Flammkuchen.
    Ich bin kein Freund von Fotos und niemand, der beispielsweise in Fotoalben auf die Suche nach der gemeinsamen Vergangenheit geht. Meine Mama, war ehrlich gesagt, auch kein fotogener Mensch. Ich denke immer wieder an einen ganz bestimmten und persönlichen Spruch, den mir meine Mutter immerzu sagte. Das damit verbundene Gefühl, das sie mir suggerierte war, dass ich die beste Entscheidung ihres Lebens war, das sagte sie mir auch nochmal im Krankenhaus. Dieses Gefühl ist immer präsent.“

    In Laufe der letzten Trauerphase kehrt nach und nach mehr Ruhe und Frieden ein. Der Trauernde erkennt langsam, dass das Leben weitergeht. Die Trauer hat Spuren hinterlassen, aber man kann nach vorne blicken. Der Verstorbene bleibt in Gedanken erhalten. Hier spielt die Akzeptanz eine große Rolle.
    Kannst du den Tod deiner geliebten Mutter akzeptieren?
    „ Dass ich mein Leben, trotz all dem, fortführen kann, beweise ich mir jeden Tag. Ich versuche immer stark zu sein und weiter meinen Weg zu gehen. Ich habe das Gefühl den Tod zu akzeptieren, aber dennoch oft nicht zu realisieren. Ich lebe in einer Art Zwist mit mir selbst. Es ist wie eine Blase, durch die nach und nach mehr durchdringt. Ich kann das Ganze nur Stück für Stück akzeptieren, denn die Verletzung sitzt noch zu tief. Vielleicht kommt irgendwann dieser Gefühlsausbruch, vielleicht auch nicht. Ich denke es wird mich noch lange beschäftigen.“

    Was hat sich, seit dem Tod deiner Mutter verändert? Was hast du getan um dich abzulenken?
    Ich wurde entspannter, vieles relativiert sich. Ich hasste Spinnen und hatte Angst vor ihnen, wenn ich heute eine Spinne sehe, dann interessiert mich das reichlich wenig. Es gibt so viel schlimmere Dinge, über die man sich aufregen kann.
    Feste, wie Weihnachten, haben für mich keine weitere Bedeutung mehr.
    Mein Abitur ging ich viel ruhiger an, ich habe nicht so viel gelernt, außer für meine Lieblingsfächer, wie zum Beispiel Politik. Ich habe viel unternommen, bin viel ausgegangen, nach dem Abitur habe ich viel gejobbt und bin gereist. Mittlerweile war ich in Europa, Asien und den USA.“

    Was wünschst du dir für die Zukunft?
    Gesundheit für mich und mein Umfeld, das ist das Wichtigste.
    Meinen Werdegang möchte ich so fortsetzen, wie bisher. Am liebsten würde ich Allgemeinmedizinerin werden. Solange ich meine Freunde, meinen Partner und meine Familie habe, bin ich wunschlos glücklich. Dem Umfeld von Trauernden würde ich persönlich raten möglichst ehrlich und natürlich zu sein und die trauernde Person nicht wie einen Aussätzigen zu behandeln. Normalität kann sehr hilfreich sein.

    Familie ist, wo Leben beginnt und Liebe niemals endet. [Unbekannt]

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