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  • Sonntag, 29. November 2015,

    Der 4-Uhr-Bus

    Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als die Nachtbusse für das St. Wendeler Land eingeführt wurden. Lokalpolitiker und besorgte Eltern waren aus dem Häuschen – endlich kommt die Jugend nach dem Feiern in der Kreisstadt wieder sicher in die umliegenden Dörfer. Eine kommunalpolitische Revolution! Vor kurzem wurde mir die Ehre zuteil, dieses ÖPNV-Premiumprodukt testen zu dürfen.

    Ich bin oft und gerne in St. Wendel unterwegs, wohne allerdings in der Provinz, weshalb ich am Wochenende meistens auf die Nächstenliebe und die Couch meiner Freunde angewiesen bin. So war es auch am letzten Samstag (bzw. frühen Sonntag), der nachfolgend beschrieben werden soll.

    Wir sind mal wieder im Spinnrad unterwegs und haben uns auf die Fahne geschrieben, der Legende des „schlechten“ letzten Bieres auf den Grund zu gehen. Unsere fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema ergibt, dass es keine Legende ist.
    Ich tausche Tower gegen Personalausweis und frage mich, wer mir dieses Mal eine Herberge zur Verfügung stellen darf. Verdammt, alle St. Wendeler sind schon nach Hause. Ein Kumpel aus Alsweiler bietet mir an, dass ich bei ihm schlafen könne. Gekauft! Er erklärt mir, dass wir mit dem 4-Uhr-Bus bequem zu unserem Nachtlager kommen.

    Wir gehen in nicht ganz gerader Linie zum Bahnhof, wo die Disco-Jugend schon auf die berüchtigte N6 wartet. N6, du alkoholgeschwängerte Perle des Personennahverkehrs, wie schön, dass es dich gibt! Als der hochmotivierte und sichtlich erfreute Busfahrer vorfährt, schmeißen sich die Teens wie blöde an die Vordertür. Ein junger Knabe kündigt in der Drängeltraube ein baldiges Erbrechen an. Sehr gut, hier bin ich richtig!

    Beim Bezahlen bewundere ich die studentenfreundliche Preispolitik des SaarVV, nehme mein Wechselgeld und werde von einem nicht mehr ganz zurechnungsfähigen Genossen von hinten so heftig angerempelt, dass sich meine 48 € der Schwerkraft hingeben.

    Ich rutsche auf den Knien Geld aufklaubend in den Bus und stelle mir vor, wie es doch wohl wäre, jetzt in einem komfortablen Taxi zu sitzen… Nachdem ich mir die nassen und schmutzigen 10€-Scheine wieder in die Hosentasche gestopft habe, ergattere ich einen Platz auf dem „Vierer“ vorne links. Ich sitze entgegengesetzt der Fahrtrichtung, sodass mein Kumpel mir von weiter hinten gut sichtbar signalisieren kann, dass er es auch in den Bus geschafft hat, indem er mir freundlich mit dem Mittelfinger zuwinkt.

    Die drei Mädchen, die auch auf dem Vierer sitzen, sehen aus wie 20, sind sehr wahrscheinlich 16 und unterhalten sich, als seien sie 12. Ein passendes Gesprächsthema wäre in meinen Augen die unfassbar hohe Temperatur in unserem Partybus. Die Synergie mit Schweiß- und Alkohlgeruch lässt ein gefährliches atmosphärisches Süppchen entstehen, das mich unweigerlich wieder an den jungen Mann mit Magenproblemen denken lässt. Jetzt sind wir schon zu zweit.

    „Naja“, denke ich mir, „wir fahren ja nur bis nach Alsweiler.“ Eine Strecke, die man auch mit dem Bus locker in einer viertel Stunde schaffen kann. Leider verzögert sich das Losfahren um gut 10 Minuten, da sehr viele Fahrgäste die einzigartige 4-Uhr-Bus-Experience auskosten wollen und der Bezahlvorgang recht lange dauert. Ich versuche, mein aufkommendes Unwohlsein mit einem Nickerchen zu lindern und lege meinen Kopf an die Scheibe – Handy-Countdown nicht vergessen, ich will ja Alsweiler nicht verpassen. Ob ich mich über das kühlende Kondenswasser freuen soll…?

    Das vibrierende Handy bringt mich in die Realität zurück, in der die quälende Hitze und die Angst, mich übergeben zu müssen, immer noch präsent sind. Aber wir steigen ja zum Glück gleich aus. Ein Blick aus dem Fenster knallt mir jedoch eine unbekannte Umgebung vor den visuellen Latz. „Wo sind wir?“, frage ich meine Nachbarin. „Ich glaub, in Remmesweiler.“ Was? Remmesweiler? Was ist das? Oh nein, jetzt wird es wirklich kritisch. Mir wird klar, dass dieser Bus tatsächlich die Sightseeing-Tour durch den halben Landkreis nimmt.

    Mein Körper signalisiert mir die verdauungstechnische Notlage durch kalten Schweiß, der nicht weniger wird, als wir in Marpingen links (!) abbiegen. Herr im Himmel, ich will doch nur nach Alsweiler! Der kurze Abstecher nach Berschweiler kommt mir wie eine Ewigkeit vor und ruft erneut den Wunsch nach einem klimatisierten Taxi hervor. Jetzt sind es tatsächlich nur noch ein paar Kilometer und ich flehe meinen Körper an, die berechtigte Reaktion auf zu viel Alkohol und stickige Heizungsluft auf später zu verschieben.

    Nach insgesamt einer geschlagenen Stunde in diesem glorreichen 4-Uhr-Bus steige ich in Alsweiler mit unverändertem Mageninhalt aus – es ist überstanden! Wenn man sehr viel Zeit mitbringt, die 1,0-Promille-Grenze nicht überschreitet und an einer nächtlichen Erkundung unserer schönen Heimat interessiert ist, dann ist die N6 das richtige Verkehrsmittel. Für mich gilt: nie wieder!

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