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  • Dienstag, 7. Februar 2017,

    Marpinger Mühlengespräche zum Thema „Ghettorente“

    Marpingen. Zwei Veranstaltungen in der Gemeinde Marpingen in der zweiten Januarhälfte standen ganz im Zeichen des Erinnerns an die unsäglichen Verbrechen, die von Deutschen in der Nazi-Zeit und insbesondere auch während des Zweiten Weltkrieges verübt wurden:

    die 8. „Marpinger Mühlengespräche“ mit dem Thema „Ghettorente“ am 20. Januar im Kulturzentrum „Alte Mühle“, die mit der Eröffnung einer gleichnamigen Ausstellung verbunden waren, und die anlässlich des Nationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar am Tag darauf durchgeführte Kranzniederlegung an der Gedenktafel für den ermordeten Marpinger Widerstandskämpfer Alois Kunz.

    Initiator und Gestalter beider Informations- und Gedenkveranstaltungen war der rührige Marpinger Verein „Wider das Vergessen und gegen Rassismus“, der einmal mehr seinem Namen im besten Sinne des Wortes alle Ehre machte.

    Als fachkundiger Referent der 8. „Marpinger Mühlengespräche, einer gemeinsam vom Verein und der Gemeinde Marpingen vor elf Jahren aus der Taufe gehobenen Veranstaltungsreihe, fungierte Christoph Zahn aus Marpingen, engagiertes Vorstandsmitglied des Vereins „Wider das Vergessen“ und zugleich Mitarbeiter der Deutschen Rentenversicherung Bund. Letztlich war es auch dieser doppelte Bezug zum Thema, der Zahn inspiriert und veranlasst hatte, die von seinem Arbeitgeber in Auftrag gegebene, von Auszubildenden der Deutschen Rentenversicherung in einer dreimonatigen, intensiven Projektarbeit erarbeitete und aus großen Text- und Bildplakaten bestehende Ausstellung nach Marpingen zu bringen und u.a. mit seinem beruflichen Fachwissen zu kommentieren.

    Mit einer Reihe von bewegenden und nachdenklich stimmenden Daten und Fakten beschrieb der Referent zunächst einmal die grausamen Lebens- und Arbeitsverhältnisse in den über 1.000 Ghettos am Beispiel des Ghettos Litzmannstadt, dem heutigen Łódź in Polen.
    Das Leben in diesen jüdischen Zwangswohnbezirken, in denen die Menschen unter menschenverachtenden, unwürdigsten Bedingungen auf engstem Raum zusammengepfercht wurden, war vor allem geprägt von Hunger, Unterernährung, Krankheiten und Tod. Seuchen grassierten aufgrund der beengten Wohnverhältnisse, mangelhaften hygienischen Bedingungen und der katastrophalen Ernährungssituation. Nahrungsmittel wurden von den deutschen Besatzungsbehörden streng kontingentiert und rationiert. Nur der Besitz von Lebensmittelkarten berechtigte die Ghettobewohner zur Entgegennahme ihrer Rationen.
    Um zu überleben, waren die Menschen auf Arbeit angewiesen, denn eine Beschäftigung wie Wasch- und Reinigungsarbeiten, Schneeräumen, Straßen-, Fabrik-, Tischler- und Näharbeiten oder Arbeit im Sägewerk berechtigte zum Bezug zusätzlicher Lebensmittelrationen.

    Wie auch die Ausstellung selbst legte Christoph Zahn in seinem bemerkenswerten Vortrag einen zweiten thematischen Schwerpunkt auf ein mit den Ghettos und ihren Bewohner/innen eng verknüpftes dunkles Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte: den Umgang mit Versorgungsansprüchen von Nazi-Opfern, speziell von ehemaligen Ghettobewohner/innen.

    Während Nazi-Verbrecher allzu oft nicht nur strafrechtlich ungeschoren davonkamen, sondern während der Kriegsjahre sogar noch Rentenpunkte für ihre Altersversorgung sammeln konnten, hatten Menschen, die die „Wartezimmer der Vernichtung“ oder „Vorhöfe der Hölle“, wie die Ghettos in ihrer Funktion als Zwischenstation für die Vernichtungslager auch genannt wurden, überlebt hatten, in Nachkriegsdeutschland viele Jahrzehnte lang keine Chance, Versorgungsansprüche aus ihren Beschäftigungsverhältnissen in den Ghettos geltend zu machen. Erst über 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges zeichnete sich allmählich ein Wandel in der bundesdeutschen Rechtsprechung ab. Ein Meilenstein in der Gesetzgebung war dabei das erst im Jahre 2002 erlassene Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigungen in einem Ghetto (ZRBG).

    Bürgermeister Volker Weber eröffnete die Veranstaltung im Kulturzentrum „Alte Mühle“, die in zweifacher Hinsicht an einem geschichtsträchtigen Tag stattfand: Der 20. Januar 1942 war der Tag der „Wannseekonferenz“, in der führende deutsche Nazi-Funktionäre den Holocaust, die systematische Tötung von Millionen Menschen jüdischen Glaubens, geplant hatten. Der 20. Januar 2017 war der Tag der Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten. In einer engagierten Rede plädierte Weber mit Verweis auf wachsende nationalistische und rechtspopulistische Tendenzen in vielen Ländern der Erde, darunter auch in Europa und in Amerika, für eine wachsame Demokratie und eine lebendige Erinnerungskultur. Vor diesem Hintergrund dankte er dem Verein „Wider das Vergessen“ sehr herzlich für sein beständiges Engagement gegen Vergessen und gegen Rassismus.

    Die 8. „Marpinger Mühlengespräche“ und die Eröffnung der Ausstellung „Ghettorente“ wurden musikalisch umrahmt von dem Klarinetten-Duo Jürgen und Jacob Brill aus Marpingen, Das Duo spielte passend zum Thema Klezmer-Werke, eine aus dem aschkenasischen Judentum stammende Volksmusiktradition, die in ihrer ungewöhnlichen Verbindung aus beschwingten Rhythmen und einem melancholischem Klangcharakter die Vereinigung von Hochgefühl und menschlicher Verzweiflung symbolisiert.

    Foto: Christoph Zahn

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